Mods und Depressionen: Wie eine Modderin mit Spielen ihrer geistigen Gesundheit hilft

Modding macht nicht nur Spiele hübscher, es kann auch bei psychischen Krankheiten helfen. Wie das funktioniert, erklärt uns Dragon Age-Modding-Veteranin Jessie.

von Rae Grimm, Eleen Reinke,
03.04.2022 17:15 Uhr

Die Modderin Girlstandstill erschafft Mods für BioWare-Spiele und das hilft auch ihrer geistigen Gesundheit. Die Modderin Girlstandstill erschafft Mods für BioWare-Spiele und das hilft auch ihrer geistigen Gesundheit.

Dass Videospiele uns mit unseren psychischen Problemen helfen können, haben diese Woche schon viele Artikel gezeigt und dürfte für die meisten Gamer*innen keine große Überraschung darstellen. Allerdings kann auch die Arbeit mit und an Spielen der eigenen mentalen Gesundheit helfen – sogar, wenn man kein Teil eines großen oder kleinen Entwicklerstudios ist.

Contentwarnung: Die Artikel der Mental-Health-Woche befassen sich mit verschiedenen Aspekten mentaler Gesundheit und beinhalten mitunter auch Beispiele negativer Emotionen und ungesunder Verhaltensweisen, die bei manchen Menschen negative Reaktionen auslösen können. Bitte seid vorsichtig bei Texten, die potenziell triggernde Themen für euch enthalten.

Wichtiger Hinweis: Falls ihr selbst Depressionen oder selbstzerstörerische Gedanken habt: Ihr seid nicht allein. Holt euch bitte Hilfe. Zum Beispiel bei der Deutschen Depressionshilfe unter 0800/33 44 533 oder bei kostenlosen Beratungsstellen.

Wie das funktioniert, erklärt uns Autorin und Künstlerin Jessie aka @Girlstandstill, eine leidenschaftliche Modderin. Über Jessies Twitter-Account sind wir kurz vor dem Release der Mass Effect Legendary Edition im Mai 2021 gestolpert, da sie nicht nur eingefleischter BioWare-Fan ist, sondern sich in der Community besonders durch Modding einen Namen gemacht hat – und durch ihre Offenheit beim Thema Mental Health. 

Jessie twittert sehr offen darüber, wie das Erstellen von Mods wie verbesserte Gesichter für NPCs ihrer psychischen Gesundheit hilft und wie ihr gerade die Spiele von BioWare eine Zuflucht geben, wenn das Leben einmal schwer zu ertragen ist.

Mehr über die Modderin:

Jessie aka Girlstandstill ist eine Autorin und Künstlerin in ihren späten 30ern, die mit Videospielen wie Mortal Kombat und Die Sims groß wurde. Im Alter von 14 Jahren wurde eine Bipolare Störung bei ihr festgestellt, zu der erst letztes Jahr eine späte Autismus-Diagnose hinzu kam. 

Ihr psychischer und physischer Gesundheitszustand legte ihr gerade in den letzten Jahren viele Steine in den Weg und sie fand in Videospielen nicht nur eine Zuflucht, sondern auch ein Outlet um nicht nur kreativ, sondern auch produktiv zu sein

Videospiele als Zuflucht

Nachdem sie mehrere Jahre zwei Vollzeitjobs ausgeübt und parallel eine Ausbildung absolviert hatte, erlitt Jessie 2017 ein Burnout, wie sie GamePro im Interview erzählt. Sie konnte aufgrund ihrer physischen Verfassung (und später auch durch die Corona-Pandemie) das Haus nicht verlassen und verfiel in schwere Depressionen. Krank zu sein und nicht arbeiten zu können, gab ihr das Gefühl, dass ihr Leben keinen Wert hatte und sie nur eine Bürde für andere war, wie Jessie sich erinnert. Noch dazu fühlte sie sich isoliert.

Aber Videospiele sollten ihr helfen. Am liebsten verlor sie sich in RPGs wie der Mass Effect-Trilogie, Knights of the Old Republic, Star Wars The Old Republic oder den Dragon Age-Spielen. Als Held*in die Galaxie retten zu können, wenn sie im echten Leben schon damit kämpfte, es durch den Tag zu schaffen, war für Jessie tröstlich. Sich in Spiele zu flüchten, ließ sie ihre dunklen Gedanken für eine Weile vergessen. Doch sie kämpfte noch immer damit, sich nutzlos zu fühlen, als würde sie nichts in ihrem Leben erreichen. 

Jessie aka Girlstandstill teilt auf Twitter ihre Abenteuer in BioWare-RPGs. Bildquelle: TwitterGirlstandstill Jessie aka Girlstandstill teilt auf Twitter ihre Abenteuer in BioWare-RPGs. Bildquelle: Twitter/Girlstandstill

Mods waren die Lösung:

Mods zu machen hat mir einfach so viele neue Möglichkeiten eröffnet, die ich vorher nie für möglich gehalten hätte. Zu Zocken und Mods zu machen, gab mir eine Zuflucht und die Möglichkeit, produktiv zu sein und auf meine Weise beizutragen.

Wenn Mods dem Leben einen Sinn geben

Dabei wollte Jessie ursprünglich gar nicht selbst modden. Sie glaubte, dass das Erstellen von Mods zu schwer sein würde, da sie keine speziellen Computerkenntnisse hatte. Die Idee für eine Dragon Age-Mod, in der Riordan das dunkle Ritual mit Morrigan durchführen würde, änderte das aber. Sie postete die Idee in einer Facebook-Gruppe zu Dragon Age in der Hoffnung, dass jemand die Mod bauen oder ihr erklären würde, wie sie es selbst machen könnte.

Nach ein paar Tagen bekam sie die Antwort einer Modderin, die ihr die nötigen Ressourcen und Werkzeuge gab, um selbst mit dem Modden anzufangen. Jessie begann damit, “Face Morphs” zu bauen, also Mods, die das Aussehen von NPCs ändern oder die Optionen für die Charaktererstellung erweitern.

Jessie nutzt erstellt Face Morphs und verändert dadurch die Gesichter der Charaktere. Bildquelle: TwitterGirlstandstill Jessie nutzt erstellt Face Morphs und verändert dadurch die Gesichter der Charaktere. Bildquelle: Twitter/Girlstandstill

Sie postete die Face Morphs auf der beliebten Mod-Seite Nexusmods und bekam eine Menge positiver Rückmeldungen. Viele Fans schrieben ihr, dass sie dank Jessies Mods endlich den oder die Held*in ihrer Träume bauen konnten:

Als ich damit anfing [Mods zu posten] und sah, wie Leute darauf reagierten, bekam ich das Gefühl, einen Zweck zu haben. Dass es immer noch etwas gab, wozu ich beitragen und mich reinstürzen konnte, was anderen zugute kam. Als ich realisierte, dass Mods mir einen Sinn im Leben gaben, merkte ich auch, dass ich mich weniger suizidal fühlte und mich darauf freute, mit den Leuten zu interagieren, die meine Mods benutzen. […] Heute habe ich eine Community aus Freunden, die mich verstehen und ich fühle mich nicht mehr isoliert und alleine.

Ein Auf und Ab gehört dazu

Obwohl das Modden Jessie mit ihrer mentalen Gesundheit hilft, ist es kein Wundermittel. Manchmal fehlt ihr einfach die Motivation, wenn sie zu depressiv ist, wechselnde Phasen von Produktivität und Inaktivität gehören für sie aber dazu. Wenn sie nicht an Mods arbeiten kann, versucht sie stattdessen andere Selbstfürsorge-Methoden zu nutzen, die ihr helfen können. 

Auch das Modden selbst bringt nicht immer nur positive Erfahrungen. Manchmal hinterlassen Leute Kommentare zu Jessies Mods, um sich zu beschweren, dass ihnen etwas daran nicht gefällt. Jessie weiß zwar, dass ihre Kreationen niemals alle gefallen können und konstruktive Kritik ihr wichtig ist, die unerwartete Negativität kann sich aber trotzdem auf ihre Motivation niederschlagen. Umso wichtiger ist es ihr, nicht zu vergessen, warum sie moddet:

“Ich versuche, mich daran zu erinnern, dass nur weil jemandem etwas von mir Geschaffenes nicht gefällt, das nicht heißt, dass es mich negativ beeinflussen sollte. Ich mache [die Mods] für mich selbst und das ist das Wichtigste.”

Sie teilt zwar ihre Mods mit der Welt, aber in erster Linie macht sie das für sich selbst. Bildquelle: TwitterGirlstandstill Sie teilt zwar ihre Mods mit der Welt, aber in erster Linie macht sie das für sich selbst. Bildquelle: Twitter/Girlstandstill

Niemand ist allein

Inzwischen arbeitet Jessie an zahlreichen verschiedenen Arten von Mods. Neben Face Morphs und God-Items (also Equipment mit extrem guten Werten) bringt sie sich aktuell selbst bei, Cutscenes, Texturen und Begleiter-Mods zu erstellen und Blender zu benutzen. Ihr Ziel ist es, ihre Lieblingsspiele durch Mods diverser und immersiver zu machen. 

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Im Alltag stellen Jessie ihre psychischen Erkrankungen vor viele Hürden. Für sie bedeutet das aber auch, dass sie andere Lebenserfahrungen hat, die ihr einen einzigartigen Blickwinkel geben und ihr gezeigt haben, wie wichtig Mitgefühl, Empathie, Geduld und Güte sind. In der Modding-Community hat sie Leute getroffen, die mit den gleichen Problemen kämpfen und gelernt, dass sie nicht alleine ist und sich nicht dafür schämen muss, anders zu sein. Für alle, die selbst am Modden interessiert sind, hat sie einen simplen Rat:

“Habt keine Scheu, euch an Modder zu wenden, wenn ihr Fragen habt. Viele von uns lieben es, neue Leute in der Modding-Community zu fördern. Wir alle wissen, wie schwer es war, anzufangen, deshalb geben wir immer gerne unser Wissen an künftige Generationen von Moddern weiter. Lasst euch von niemandem davon entmutigen, eure Ideen in Form von Mods zu verwirklichen. Wir sind alle Fans der Spiele. Modden zu lernen gibt euch einfach die Möglichkeit, eure liebsten fiktionalen Spielwelten zu personalisieren.”

Eine wichtige Bitte: Da es sich bei unseren Artikeln aus der Mental Health-Woche um sensible Themen handelt, die uns beim Schreiben teilweise viel abverlangt haben, bitten wir euch an dieser Stelle ganz besonders um eine freundliche und verständnisvolle Kommentarkultur. Vielen Dank und viel Spaß beim Lesen!

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