Neues Sony Patent könnte toxisches Verhalten in Spielen schlimmer statt besser machen

Mit einem neuen Patent könnte Sony Zuschauer*innen erlauben, Spieler*innen aus dem Game zu kicken. Die Gefahr, dass es dabei die Falschen trifft, ist hoch.

von Eleen Reinke,
03.11.2021 16:00 Uhr

Sonys neues Patent soll es Zuschauer*innen ermöglichen, Spieler*innen aus Online-Matches zu kicken. Sonys neues Patent soll es Zuschauer*innen ermöglichen, Spieler*innen aus Online-Matches zu kicken.

Klar sollten Multiplayer-Spiele Spaß machen. Aber dass das nicht immer der Fall ist, haben die meisten von euch sicher selbst schon erlebt. Nicht selten sind es gar die eigenen Teamkollegen, die mir und anderen durch Trollen oder diskriminierende Kommentare im Sprachchat die Freude an Titeln wie Overwatch, Back 4 Blood oder Left 4 Dead 2 nehmen.

Sonys neues Patent mit dem klangvollen Namen “Zuschauer*innen stimmen darüber ab, Spieler*innen aus einem Videospiel auszuschließen” könnte dem theoretisch ein Ende setzen, zumindest bei gestreamten Matches. Allerdings bietet das System auch eine Menge Möglichkeiten für Missbrauch. Und am Ende könnte es genau die Falschen treffen und allen noch mehr den Spaß verderben.

Nicht für die Spieler*innen, sondern alle, die zuschauen

Das Patent selbst hatte Sony bereits vor einigen Monaten eingereicht, nun wurde es vom US Patent and Trademark Office gewährt. (via VGC)

Ziel des möglichen Features ist es, Zuschauer*innen von Streams wie Twitch zu erlauben, schlechtes Verhalten anderer in Online-Matches zu bestrafen. Konkret heißt das, dass sowohl mangelnder Sportsgeist als auch schlechte Leistung bewertet werden dürfen. Das kann dann dazu führen, dass die entsprechenden Personen entweder eine Mahnung erhalten, dass sie sich bessern sollen, oder gar ganz aus dem Spiel gekickt (“benchen”, wie es im Patent heißt) werden.

Für das Kicken wäre demnach eine Mehrheit von 60% der Stimmen nötig, allerdings könnten Stimmen von erfahrenen Gamer*innen mehr Gewicht haben. Wer also das entsprechende Spiel länger gespielt hat oder im Ranking höher steht, bekommt mehr Entscheidungsgewalt. Als Beispiel wird im Patent eine bis zu zehnfach höhere Wertung der Stimme im Vergleich zu Zuschauer*innen mit niedrigem Ranking angegeben.

Zusätzlich wird auch eine Möglichkeit aufgeführt, für das Abstimmen zu bezahlen, entweder mit Echtgeld oder ingame-Währung.

Kommen laut Patent genug Stimmen zusammen, könnten Spieler*innen effektiv aus jedem Grund aus dem Spiel gekickt werden. Eine Beweispflicht für Fehlverhalten ist nicht aufgeführt. Kommen laut Patent genug Stimmen zusammen, könnten Spieler*innen effektiv aus jedem Grund aus dem Spiel gekickt werden. Eine Beweispflicht für Fehlverhalten ist nicht aufgeführt.

Während es in der Theorie eigentlich toll klingt, Spieler*innen, die sich nicht benehmen aus dem Spiel zu kicken, lädt die Idee geradezu zu Missbrauch ein. Das fängt schon damit an, dass das Ziel des Patentes keineswegs ist, die Erfahrung der Spielenden zu verbessern – nein, es geht darum, dass Zuschauer*innen mehr Spaß haben:

Onlineplattformen wie beispielsweise Twitch haben es Zuschauer*innen ermöglicht, aufgenommene und Livevideos von Top-Videospielen und elektronischen Sportevents (“eSports”) zu streamen. Dadurch dass immer mehr Leute Interesse daran haben, Videospiele und eSports Events zu schauen, wollen Videospielentwickler*innen die Erfahrung verbessern, indem sie Zuschauer*innen mehr Funktionsfähigkeiten und Interaktivität liefern.

Wer mehr als ein paar Minuten auf Onlineplattformen wie Twitch oder Twitter unterwegs war, dürfte sich spätestens jetzt Sorgen machen. Trolle gibt es immerhin mehr als genug. Allein der Gedanke, dass Leute, die nicht einmal mitspielen, entscheiden dürfen, ob ich aus dem Spiel fliege, ist beunruhigend. Denn das heißt nicht nur, dass meine Leistung potenziell dauerhaft von anderen bewertet und womöglich sogar beeinflusst wird – schließlich klärt das Patent mit keinem Wort, was es für meinen Rang im Spiel bedeutet, wenn ich aus einem kompetitiven Match geschmissen werde. Theoretisch wäre es dann also möglich, dass sich mein Ranking verschlechtert oder ich gar für das vorzeitige Verlassen des Spiels gesperrt werde, obwohl das gar nicht freiwillig passiert ist.

Noch dazu kann es mich auch aus vollkommen falschen Gründen treffen, ohne dass ich mich dagegen wehren kann.

Über die Autorin

Eleen fand Multiplayer-Spiele lange Zeit einschüchternd. Wenn sie online gespielt hat, dann meistens Koop-Titel wie Left 4 Dead 2 mit guten Freunden. Erst mit Overwatch fing sie an, regelmäßiger PvP auch mit Voice Chat zu spielen. Dennoch, in manchen Matches bleibt auch heute noch das Mikrofon aus, wenn der Ton kippt oder sie einfach keine Lust darauf hat, mit Fremden zu reden.

Wie viele andere Spielerinnen auch lasse ich oft in Onlinespielen mein Mikrofon stummgeschaltet, denn sexistische Kommentare und Beleidigungen sind für viele Spielerinnen leider noch immer keine Seltenheit. Auch auf Twitch selbst werden besonder Streamer*innen marginalisierter Gruppen regelmäßig mit Sexismus, Homophobie, Rassismus, Ableismus und anderen Beleidigungen konfrontiert. Klar wäre es schön, wenn es sich dabei zumindest nur um wenige laute Stimmen handelt, aber wie sich in der Vergangenheit oft genug gezeigt hat, ist dem nicht so.

Sonys neues Patent öffnet damit Cyber-Mobbing die Türen gefährlich weit. Denn am Ende könnten genau die Leute, die ohnehin schon Opfer beleidigender Kommentare und Drohungen sind, Ziel dieser Abstimmungen werden. Die in den letzten Monaten vermehrt auftretenden Hate-Raids auf Twitch sind ein perfektes Beispiel dafür, wie besonders marginalisierte Gruppen gezielt angegriffen werden.

Dann muss es auch gar nicht um spielerische Leistungen gehen. Es reicht schon, wenn sich genug Zuschauer*innen zusammenfinden, um etwa jemanden aus dem Match zu kicken, der besser als ihr*e Lieblingsstreamer*in ist, oder weil sie glauben, dass Frauen nichts in Onlinespielen zu suchen haben. Auch solche Leute gibt es leider.

In kompetitiven Multiplayer-Spielen kann der Ton schnell mal kippen. Besonders Spielerinnen und Personen, die als Frauen wahrgenommen werden, müssen sich dabei oft viel anhören. In kompetitiven Multiplayer-Spielen kann der Ton schnell mal kippen. Besonders Spielerinnen und Personen, die als Frauen wahrgenommen werden, müssen sich dabei oft viel anhören.

Dazu kommt, dass Skill oder Geld bestenfalls zweifelhafte Entscheidungsfaktoren sind, wenn es darum geht, Spieler*innen aus einem Match zu kicken. Nur weil jemand gut in einem bestimmten Videospiel ist oder genug Geld hat, heißt das noch lange nicht, das er oder sie die eigene Stimme verantwortungsvoll nutzt. 

Und Geld bezahlen zu können, um Cyber-Mobbing betreiben zu dürfen, hat ein wenig den Beigeschmack als würde Sony sich bestechen zu lassen, um bei Mobbing ein Auge zuzudrücken. Selbst wenn es in der Theorie dazu dienen soll, dass Zuschauer*innen sich lieber zweimal überlegen, ob sie Spieler*innen kicken, dürfte das kaum die Leute abhalten, die gezielt Arschloch spielen wollen. 

Ich möchte jedenfalls nicht fürchten müssen, von Leuten, mit denen ich nicht mal spiele, aus dem Match gekickt zu werden, weil ich einen langen Tag hatte und mal nicht meine volle Leistung bringe – oder vielleicht auch einfach, weil jemandem der Klang meiner Stimme nicht gefallen hat.

Gegen Cheater, Trolle und Co. … aber nicht so

Cheater, Trolle und Arschlöcher verderben mir wie nichts anderes den Spaß in Videospielen. Sonys Patent halte ich aber nicht für die Lösung dieses Problems. Denn nicht zuletzt ist es ja überhaupt nicht für mich als Spielerin gedacht, sondern für die Leute, die mir beim Spielen zugucken. Letztlich kann ich auch nicht erahnen, wann es mich erwischen könnte, denn meistens werde ich nicht wissen, ob ich gerade im Stream von jemandem auftauche, der oder die mich vielleicht aus irgendwelchen Gründen loswerden will.

Als Frau muss ich in Onlinespielen ohnehin schon die ganze Zeit auf der Hut vor misogynen Arschlöchern sein, da brauche ich nicht noch einen weiteren Stressfaktor.

Da lege ich doch mehr Wert auf funktionierende Anti-Cheatsysteme oder die Möglichkeit, Spieler*innen, die sich daneben benehmen, direkt im Spiel zu melden oder zu blocken. 

Ob und wie Sonys Patent zum Einsatz kommt, steht natürlich noch in den Sternen. Ich hoffe einfach, dass es in dieser Form nie genutzt wird und dass Sony noch einmal ans Reißbrett geht, um es zu überarbeiten. Es ist schön zu wissen, dass der Publisher offenbar bemüht ist, für eine bessere Spielerfahrung in Multiplayerspielen zu sorgen. Aber dieses Patent ist eindeutig nicht der richtige Weg und könnte zum genauen Gegenteil führen.

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