Vom Angsthasen zum Horrorfan: Nach Resi 7 in VR ist mir alles egal

Dennis hat sich lange vor Horror in Videospielen gefürchtet, doch nach seinem Durchgang mit Resident Evil 7 in VR kann ihn (fast) nichts mehr schocken.

von Dennis Michel,
22.02.2021 17:00 Uhr

Dennis kann nach Resi 7 in VR nur noch sehr wenig schocken. Dennis kann nach Resi 7 in VR nur noch sehr wenig schocken.

Dass Horrorspiele mal zu meinen liebsten Genres zählen, ich mich auf jeden neuen Teil der Resident Evil-Reihe bereits Monate vor Release wie Bolle freue und sehnlichst hoffe, dass Capcom doch noch einen VR-Modus für Village ankündigt, ganz ehrlich, das hätte ich mir fünf Jahre zuvor nicht einmal selbst geglaubt. Klein-Dennis war nämlich ein ziemlicher Schisser, der sich selbst an relativ harmlose Videospiele lange Zeit nicht allein herangetraut hat.

Warum ich sehr lange das Tomb Raider-Tutorial gespielt habe

Doch damit ihr ein Verständnis davon bekommt, was für ein großer Angsthase ich Mitte der 90er im zarten Alter von zehn Jahren war, muss ich ein klein wenig ausholen.

Viele Spiele sind bekanntlich nichts für Kinder. Dumm nur, dass man das als Knirps meist erst einsieht, wenn es schon zu spät ist. Die beiden prägendsten Beispiele waren für mich das originale Tomb Raider (1996) und Half-Life (1998). Beides wahrlich keine Horrorspiele und doch weit weg vom Status "für Kinder geeignet".

"Ach schau mal, der Bub spielt wieder sein Fitnessspiel". Nun. "Ach schau mal, der Bub spielt wieder sein Fitnessspiel". Nun.

Doch wie das eben in der Schule so ist, da zockt es gefühlt die ganze Klasse, es wird pausenlos darüber geredet, was bleibt einem also anderes übrig, außer die Eltern zu beknien, dass sie einem das Spiel vom ersparten Taschengeld kaufen.

Und jetzt wirds peinlich: Über 100 Deutsche Mark wechselten also nach erfolgreichem Flehen den Besitzer, die CD mit dem ersten Abenteuer von Lara Croft landete in der PlayStation, nach gefühlt zehn Minuten kreuzt der berühmte peruanische T-Rex auf und für mein zehnjähriges Ich war das Spiel vorbei, bevor es überhaupt angefangen hatte. Das war einfach zu heftig, ein gefräßiger Dino der Jagd auf mich macht? Auf gar keinen Fall! Damit mich meine Eltern aber nicht misstrauisch wurden und denken, der Sohnemann verbrät sein hart Erspartes - 100 DM waren wirklich nicht ohne - hab ich einfach zig Stunden das Tutorial im Croft-Anwesen gespielt und ja, vielleicht denkt meine Mutter noch heute Tomb Raider 1 ist eine Art Lebens- bzw. Fitnesssimulation.

Heute spiele ich Half-Life … !!!

Falls ihr jetzt denkt, ich hätte aus der Aktion mit Tomb Raider gelernt, ich bitte euch. Zwei Jahre später ging das Trauerspiel mit Half-Life weiter. Erneut wanderte das Gesparte zurück in die Hände meiner Eltern und von dort aus über die Ladentheke - und erneut war nach zehn Minuten mit dem ersten Headcrab Ende Gelände. So sehr ich auch wollte, meine Finger auf den WASD-Tasten bewegten sich keinen Millimeter. Komplett verzweifelt habe ich mir dann tagtäglich aufs Neue eingeredet, dass heut einfach ein schlechter Tag für die Befreiung von Black Mesa ist oder besser noch, ich bin 100 Meter auf und ab gelaufen, nur um mir einen gefühlten Fortschritt vorzugaukeln.

Hämmert panisch auf die linke Maustaste, ESC, Spiel beenden. Hämmert panisch auf die linke Maustaste, ESC, Spiel beenden.

Das rückblickend naive an der ganzen Geschichte war auch, dass ich am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule komplett sicher war, dass ich heute vollen Mutes den Headcrabs entgegentrete. Heute ist der Tag aller Tage, naja, zumindest bis ich wieder vor dem Rechner saß und die Forschungseinrichtung geladen hatte.

Die Rettung: Im Gegensatz zu Tomb Raider auf der PlayStation, hatte ich allerdings bei Half-Life das große Glück, dass mein Vater irgendwann meine tägliche Misere mitbekam und meinte "na gut, spielen wir das Ding halt zusammen." In der Praxis sah das dann so aus, dass mein Dad am Rechner saß und ich mit der Komplettlösung daneben. Nachdem dann der erste Schrecken im "Koop" verflogen war, haben wir die Rollen getauscht und siehe da, mit der Gewöhnung an den Horror war die Blockade verflogen.

Resident Evil 7 mit dem VR-Headset, ein Alptraum

Nach der väterlichen Rettung bei Half-Life waren selbst Third Person-Horrorspiele wie Resident Evil oder Silent Hill - und auch Tomb Raider - fortan zwar noch immer der reinste Horror, aber kein Grund mehr, um die Flucht vom PC bzw. der Konsole anzutreten. Lediglich der mit reichlich Jumpscares angereicherte Grusel aus der Egoperspektive, wie beispielsweise in Amnesia: The Dark Decent, war noch über viele Jahre stets eine zu große Mutprobe und wurde schnell beiseite gelegt.

Dann kam Resi 7: Doch was sind selbst die schlimmsten Ego-Jumpscares, wenn man gemütlich auf der Couch sitzt, im Vergleich zum Horror, den einem mit aufgeschnalltem VR-Headset erwartet. Im Normalfall hätte ich die VR-Version von Resident Evil 7 also niemals nie ins Laufwerk gelegt. Horror schön und gut, aber das war dann doch zu viel des Guten.

"Lustig" wurde es aber dann, als ich Anfang 2017 - ich war gerade frisch aus dem Studium in die Gaming-Welt geschlüpft - ein brandneues VR-Headset testen sollte. Und jetzt ratet, mit welchem Spiel. Exakt, unter anderem mit der VR-Version von Ethans erstem Abenteuer, einem Spiel, in dem einem zu Beginn alle zwei Minuten Mia oder ein Mitglied der Baker-Familie ins Gesicht springt. Um es auf den Punkt zu bringen: Selbst für mich als damalig Horror-Erprobten, war das der wahrgewordene Alptraum. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich für die ersten Abschnitte gebraucht habe, ich weiß nur, dass ich mich gefühlt Frame für Frame vorangetastet habe und bei jedem Jumpscare an die Decke gesprungen bin.

Nichts, kein Horrorfilm, keine Geisterbahn, kein Videospiel ist zuvor auch nur in die Nähe dieses virtuellen Horrortrips gekommen.

"Angst, ich lach dir ins Gesicht"

Das Verrückte ist aber, dass sich der Mensch an so ziemlich alles gewöhnt und ich benutze hier bewusst nicht das Wort "abstumpfen". Das wäre nämlich falsch. Nach diesen alptraumhaften Abschnitten begann nämlich selbst diese Erfahrung mehr und mehr Spaß zu machen. Klar, war all das noch immer gruselig, jedoch konnte ich diesen Grusel jetzt so immersiv wie nur eben möglich genießen. Was zuvor dank der Koop-Hilfe bei Half-Life funktioniert hat, fand jetzt auf einem ganz anderen Level statt.

Machen wir es doch einfach wie Simba und lachen der Angst ins Gesicht - das hat ja bekanntlich gut funktioniert... Machen wir es doch einfach wie Simba und lachen der Angst ins Gesicht - das hat ja bekanntlich gut funktioniert...

Rückblickend betrachtet zählt Resident Evil 7 in VR zu den meiner Meinung nach coolsten Videospiel-Erlebnissen überhaupt und hat entscheidend dazu beigetragen, dass ich heutzutage ein noch größerer Horrorfan bin, der vor keinem Spiel mehr zurückschreckt.

Resident Evil-Themenwoche auf GamePro

Die Tage vom 22. bis zum 28. Februar stehen bei uns ganz im Zeichen von Resident Evil. Von Montag bis Sonntag wird es je zwei Artikel über die beliebte Horror-Reihe von Entwickler Capcom auf GamePro.de geben, mit denen ihr euch schon ein wenig auf den Release von Village im Mai einstimmen könnt. Welche Artikel bereits erschienen sind, haben wir für euch in einer Übersicht zur Themenwoche aufgelistet.

Schreibt mir gerne in die Kommentare, ob ihr bei Horrorspielen auch solche Hürden nehmen musstet oder ob ihr mit dem Horror in Videospielform keine solchen Probleme habt.

zu den Kommentaren (44)

Kommentare(44)

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.