Die Schließung der PS Stores zeigt: Digitale Videospiele sind in Gefahr

Bald schließt Sony die Stores der PS3, Vita und PSP. Unser Freier Autor Erik findet, dass solche Entscheidungen die Präservation des Mediums gefährden.

von Erik Körner,
08.04.2021 18:00 Uhr

In wenigen Monaten werden über 2.000 Spiele den PlayStation Store verlassen. In wenigen Monaten werden über 2.000 Spiele den PlayStation Store verlassen.

Im nischigen Spiel Tokyo Jungle ziehen verschiedene Tiere durch ein verwüstetes Tokio und kämpfen um ihr Überleben. Es erschien 2012 für die PlayStation 3 sowie Vita und erhielt nur in Japan eine Disc-Fassung.

In wenigen Monaten wird Tokyo Jungle langsam zur Rarität, da Sony am 2. Juli die Stores der PS3 und PSP abschaltet. Am 27. August wird das digitale Angebot der Vita folgen. Besonders ärgerlich ist das für Indie-Entwickler:innen, die an neuen Titeln für die Vita gearbeitet haben.

Tokyo Jungle hat Glück, weil es momentan Teil von Sonys Aboservice PS Now ist. Damit können wir ausgewählte Titel zwar spielen, aber nicht länger kaufen. Schlechter sieht es für digitale PSP- oder PS Vita-Exclusives aus. Sie werden verschwinden.

Digitalisierung für die Zukunft der Spiele

Kurzfristig mag das für einige Spieler:innen eine kleine Hürde darstellen. Dann kauft man sich jetzt eben alle Wunschspiele, Problem gelöst. Leider ist das nur für Personen mit ausreichend Geld machbar.

Langfristig ist Sonys Entscheidung umso besorgniserregender. Videospiele sind ein junges Medium. Ich gehe fest davon aus, dass sie uns in den nächsten Jahrhunderten erhalten bleiben. Genauso, wie uns Filme und Comics immer noch begleiten.

Erik Körner
@snoopykoira
Als angehendem Literaturwissenschaftler liegt Erik viel an der Präservation von Medien. Das gilt umso mehr, weil er seine Abschlussarbeit über Videospiele schreiben wird. Dass weiterhin zahlreiche Spiele nicht digital verfügbar sind, ist für ihn unverständlich.

Das bedeutet auch: Unzählige Generationen künftiger Spieler:innen werden kommen und neugierig sein. Sie werden schultertief in die Geschichte des Mediums eintauchen wollen, die Klassiker spielen und über sie diskutieren wollen. Das gilt für den privaten Bereich wie für den wissenschaftlichen.

Irgendwann wird aber jede ältere Konsole den Geist aufgeben und selbst Discs werden durch Datenverfall zwangsläufig unbrauchbar. Wahrscheinlich passiert das nicht in unserer Lebzeit und auch nicht in der Lebzeit unserer Kinder und Enkelkinder. Aber es wird passieren. Und dann werden sorgsam geführte digitale Archive unabdingbar sein.

Wir müssen Videospiele wie ein Kulturgut behandeln

Wollen wir Videospiele als Kunst und Kulturgut ernst nehmen, müssen wir anfangen, sie nicht länger als kurzfristiges Konsumgut zu betrachten, wie dieser Twitternutzer:

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Vielleicht kümmern sich wenige Spieler:innen um Titel wie Tokyo Jungle, Infamous: Festival of Blood oder Echochrome II. Das darf aber kein entscheidender Faktor sein. Solchen Kriterien verweigert sich die Kunst.

Ebenso müssen wir beginnen, kritischer über die Marktpraktiken von Publishern zu sprechen. Einer der Gründe für den vergleichsweise schlechten Ruf digitaler Games ist die Angst, sie zu verlieren. Doch das passiert nur, weil Unternehmen wie Sony Stores absägen, sobald sie nicht länger profitabel sind.

Es kann nicht sein, dass mitunter Privatpersonen als Archivar:innen einspringen müssen. Noch weniger kann es sein, dass sich Konsument:innen im Umkehrschluss in die Strafbarkeit begeben müssen, weil Unternehmen den legalen Weg verriegeln.

Digitale Bibliotheken könnten alte Spiele bezahlbarer machen

Wer Videospiele dennoch hauptsächlich als Konsumgut sieht, sollte trotzdem vollständige digitale Sammlungen unterstützen. Denn sie könnten die Anschaffungskosten alter Spiele verringern. Seht es als Akt der Solidarität.

Nehmen wir als Beispiel meinen Lieblingstitel: Ico. Ico erschien 2001 für PS2 und zehn Jahre später für PS3, gemeinsam mit seinem geistigen Nachfolger Shadow of the Colossus in einer HD-Collection. Ich bin mit der PS2 aufgewachsen und habe das Glück, beide Konsolen sowie beide Versionen von Ico zu besitzen.

Wer die Originalversionen von Ico und Shadow of the Colossus spielen möchte, muss Strapazen auf sich nehmen. Wer die Originalversionen von Ico und Shadow of the Colossus spielen möchte, muss Strapazen auf sich nehmen.

Bei jungen Spieler:innen könnte das anders aussehen. Möchten sie das Original spielen, brauchen sie neben der Konsole eine Memory Card. Schließlich fehlte der PS2 ein integrierter Speicher. Zusätzlich ist ein Signalkonverter nötig, weil moderne Fernseher den Abschluss der betagten Konsole nicht unterstützen. Alternativ, wenn auch unwahrscheinlicher, muss ein Röhrenfernseher her.

Die HD-Collection ist dank des HDMI-Anschlusses der PS3 niedrigschwelliger. Mittlerweile ist die PS3 aber auch schon 14 Jahre alt und Sony stellte ihre Produktion 2017 ein. Restbestände oder Gebrauchtmodelle sind die einzige Hoffnung.

Wie Konsolen werden auch physische Editionen von Spielen nur für einen begrenzten Zeitraum hergestellt. Welche Folgen das haben kann, zeigt Fire Emblem: Path of Radiance, das 2005 für Nintendos Gamecube erschien. In den letzten zehn Jahren ist die Nachfrage nach Path of Radiance drastisch gestiegen. Gebrauchte Kopien haben einen Durchschnittspreis von 200 Euro erreicht - Tendenz steigend.

Privatanbieter:innen verlangen horrende Preise für Fire Emblem: Path of Radiance. Privatanbieter:innen verlangen horrende Preise für Fire Emblem: Path of Radiance.

Ein ähnliches Schicksal könnte Super Mario 3D All-Stars ereilen. Die Collection ist ein Ausnahmebeispiel, weil Nintendo die Verfügbarkeit bewusst limitierte. Physische Editionen wurden bis zum 31. März produziert, Downloads waren bis zum selben Datum möglich. Spieler:innen hatten nur rund sechs Monate Zeit für den Kauf einer Kopie.

In einer idealen Welt stünden die Originalversionen von Ico und Path of Radiance dauerhaft in den jeweiligen Stores für einen schmalen Preis zum Download bereit. Und Super Mario 3D All-Stars wäre nie ein Opfer künstlicher Knappheit geworden. So müsste niemand mehr zusätzliche Hardware kaufen oder Anbieter:innen mit genickbrechenden Preisen unterstützen.

Microsoft zeigt, wie es geht

Zumindest bei Microsoft läuft es besser, sie scheinen das Problem zu verstehen. In Larry Hyrbs Major Nelson Podcast sagt Peggy Lo, Xbox Compatibility Lead:

"Für viele sind diese Spiele mehr als nur eine Geldsumme. Eher ging es darum, was Fans, Entwickler:innen und die Industrie selbst als Geschichte des Gamings zu verstehen. Das sind Spiele, die Einfluss darauf hatten, wie sich heutige Titel spielen. Diese Geschichte zu präservieren, ist so wichtig für unser Team geworden, einfach damit Spieler:innen weiterhin diese Titel genießen können, sie mit neuen Personen teilen und ihr Vermächtnis feiern können."

Microsoft vermarktet die Series X/S als zentralen Hub, der das Xbox-Ökosystem in sich vereint. Möglich war das durch ein recht einheitliches Betriebssystem und die dedizierte Arbeit an der Emulation alter Spiele.

Zum Launch der neuen Generation standen dadurch 39 originale Xbox-Spiele und 568 Xbox-360-Spiele bereit, der Großteil davon digital. Selbstredend sind nahezu alle Xbox-One-Spiele ebenfalls kompatibel.

Lost Odyssey: 14 Jahre alt und trotzdem leicht erhältlich. Lost Odyssey: 14 Jahre alt und trotzdem leicht erhältlich.

So konnte ich vor Kurzem Lost Odyssey, Asura's Wrath und Metal Gear Rising: Revengeance auf meiner Series X kaufen. Alle drei sind etwas älter, sie erschienen zwischen 2007 und 2013. Aufgrund eines Angebots habe ich insgesamt nur rund 15 Euro gezahlt. Dass ich deswegen nicht vor die Tür gehen musste, ist momentan ein angenehmer Nebeneffekt, ebenso wie das Wissen, die Umwelt etwas geschont zu haben, weil ich auf eine Lieferung verzichten konnte.

Natürlich besteht Verbesserungsbedarf. Bisher ist weder die ganze Bibliothek der Xbox noch der 360 digital verfügbar. Ich vermisse zum Beispiel weiterhin die 2005er-Version von Need for Speed: Most Wanted. Die kann ich weder im Xbox-Store kaufen noch via Disc auf meiner Series X spielen. Wahrscheinlich liegt das aber an Publisher EA. Ich befürchte, es wird wohl nicht mehr kommen. Für den Moment bleibt die Hoffnung, dass Microsoft bei diesem Trend bleiben wird und sich andere Unternehmen davon inspirieren lassen werden.

Alle 138 Spiele, die Sony löschen wird, findet ihr hier in einer separaten GamePro-Übersicht.

Seht ihr die Schließung der PS Stores ebenfalls kritisch, sollten Sony, Nintendo und auch Microsoft mehr Wert auf die Erhaltung seiner einstigen Klassiker legen?

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