Ohne Charakter-Editor, ohne mich: Darum ist Witcher 3 für mich kein echtes RPG

The Witcher 3, Horizon: Zero Dawn und Deus Ex: Mankind Divided sind für Nele keine richtigen RPGs. Hier erfahrt ihr, warum nicht.

von Nele Wobker,
05.08.2021 10:00 Uhr

Geralt ist für viele der Rollenspiel-Held schlechthin. Ich sehe das anders. Geralt ist für viele der Rollenspiel-Held schlechthin. Ich sehe das anders.

Ich finde, um den Titel "Rollenspiel" tragen zu dürfen, benötigt ein Spiel einen Charakter-Editor. Manche als RPG betitelte Spiele mag ich unter anderem genau deshalb nicht, weil sie eben keine Charaktereinstellungen ermöglichen.

Was haben Horizon: Zero Dawn und The Witcher 3 gemeinsam? Richtig, beide Spiele werden häufig als "Rollenspiele" bezeichnet, ohne welche zu sein. So sehe ich es zumindest. Mir ist schon klar, dass ich mit dieser Aussage die beiden großen "Zs der Gaming-Community" auf mich ziehe - Zorn und Zustimmung - aber das ist in Ordnung. Meinungen sind verschieden und meiner Meinung nach suggerieren die "Rollen" in "Rollenspiel", dass ich eben auch zwischen verschiedenen Rollen wählen kann.

AC Valhalla ist eher ein RPG als The Witcher

In Assassin's Creed: Valhalla kann zwar nicht der spielbare Charakter ...

... aber zumindest das Geschlecht gewechselt werden. Und zwar jederzeit.

In Horizon und in The Witcher gibt es nur Aloy und Geralt - und beide kann ich nicht ausstehen. Adam Jensen aus Deus Ex hingegen, fand ich zwar extrem cool und ich mag Mankind Divided sehr - ein Rollenspiel ist es aber dennoch nicht.

Auch Assassin's Creed: Valhalla hat rollenspielartige Züge, sogar mehr als jedes AC zuvor, ist aber selbstverständlich ebenfalls kein RPG. Obwohl es durch die Möglichkeit, Eivors Geschlecht im Rahmen des binären Geschlechtssystems zu wählen, etwas mehr RPG-Elemente bietet als Horizon, Witcher und Deus Ex. Selbst die sexuelle und romantische Ausrichtung kann von mir bestimmt werden, was für viele zum Character-Building dazugehört.

Warum machen Charakter-Editoren Spaß?

Aber warum sind Charakter-Editoren eigentlich - für mich und für Rollenspiele generell - so wichtig? Darauf gibt es verschiedene Antworten.

In Mass Effect: Andromeda ändert sich auch die Interaktion mit dem Squad, je nachdem, was für einen Ryder-Zwilling wir uns erstellt haben. Das erhöht den Wiederspielwert enorm. In Mass Effect: Andromeda ändert sich auch die Interaktion mit dem Squad, je nachdem, was für einen Ryder-Zwilling wir uns erstellt haben. Das erhöht den Wiederspielwert enorm.

Ich - nur in besser: Der Kommunikationsforscher Nick Yee stellte fest, dass wir in Spielen dazu neigen, idealisierte Versionen unserer Selbst anzufertigen. Die Stärke der Ausprägung hängt, so Yee, vom Selbstbewusstsein der spielenden Person ab. Je geringer das Selbstbewusstsein ist, desto idealisierter schaut der Charakter aus. Die Möglichkeit, sich in diesem scheinbar verbesserten Zustand unserer Selbst wiederzuerkennen, kann euphorisierend und erhebend wirken.

Spiel im Spiel: Manchmal nutzen wir die Mechaniken des Charakter-Editors aber auch als belustigende Unterhaltung. Als ich 2009 eine Zeitlang das Online-Rollenspiel AION zockte, hatte ich mehr Spaß im Charakter-Editor als im Spiel selbst. Rosa Haut und grotesk lange Arme, dazu türkise Haare und einen Kiefer, der bis runter zur Brust reicht? Kein Problem!

Kulturwissenschaftler Rudolf Inderst beschreibt in Ausgabe 15 der WASD was ihm beim Charakter-Editor von Virtua Tennis 4 am meisten amüsiert hat, während er sich bemühte, immer absurdere Charaktermodelle zu fabrizieren. Der Editor wurde für ihn zum "Game within a Game":

"Die Freude am Obskuren, am Karnevalesken tritt hervor und lässt uns ohne Reue (aber unter lautem Gelächter) verstörende biomechanische Experimente starten."

Genderswapping: Laut der Studie "The strategic female: gender-switching and player behavior in online games" haben in World of Warcraft bei einer speziell auf dieses Forschungsgebiet zugeschnittenen Quest, 23% der männlichen Probanden weibliche Avatare gewählt, aber nur 7% der Frauen männliche. Interessant hierbei ist auch, dass ältere Spieler*innen eher zu "Genderswapping" bereit sind, als jüngere.

Die Gründe, warum ein Spielcharakter gewählt wurde, der nicht dem eigenen Geschlecht entspricht, sind verschieden. Viele Männer mögen, laut Studie, die Ästhetik und Aufmerksamkeit anderer Spieler in MMOs, welche sie durch einen weiblich definierten Charakter meinen zu erhalten. Diese basiere auf der Annahme, dass andere Gamer durch die weibliche Spielfigur davon ausgehen, der Spieler sei eine Frau. Toxische Männer glauben, in "ihren" Spielwelten gäbe es keine realen Frauen und dass sie durch Vorspiegelung eines weiblichen Wesens die Aufmerksamkeit der anderen Spieler bekommen.

Männer, die weibliche Avatare steuern, geben diesen oft ein stereotypisch feminines Aussehen und Verhalten. Männer, die weibliche Avatare steuern, geben diesen oft ein stereotypisch feminines Aussehen und Verhalten.

Spielerinnen geben oft vor, männlich zu sein: Umgekehrt spielen Frauen in Online-Spielen männliche Figuren, um weniger aufzufallen. Einige der Männer gaben preis, sehr feminine Avatare mit einer cis-heteronormativen Ästhetik zu bevorzugen. Diese Avatare werden von diesen Männern dann auch "stereotypisch weiblich" gesteuert, in Bezug auf Verhaltensweisen der Spielfigur in Interaktionen mit anderen.

Aber nicht nur Männer, die Heldinnen als attraktiver empfinden, wählen gerne weibliche Avatare. Manche möchten auch einfach nur neue Perspektiven, die nicht ihrer eigenen entsprechen, kennenlernen oder auch unterdrückte Seiten an sich selbst über die Spielfigur ausleben. Beispielsweise offenbarten die befragten Männer in weiblichen Rollen häufiger, mit freundlichen Emojis zu reagieren und sich gefühlsbetonter zu geben.

Männern denen gesellschaftlich vorwiegend vermittelt wird, hart und gefühlskalt sein zu müssen, genießen es, sich durch die Differenzierung ihrer Selbst in einem fiktiven weiblichen Charakter auszuleben und emotional sein zu können.

Nele Wobker
@ElenRekbow
Sinn eines Rollenspiels ist es für mich, mir einen fiktiven Spielcharakter überlegen zu können, den ich nicht nur mit verschiedenen Talenten, Fähigkeiten und Kleidungen ausstatte, sondern auch mit einer individuellen Persönlichkeit, einer Hintergrundstory, einer Optik und einem Geschlecht. Wer keine Lust hat, sich mit Augenbrauen, Mund, Haarfarbe- und Frisur sowie dem Geschlecht der Spielfigur auseinanderzusetzen, kann meinetwegen gerne zum vorgefertigten Standardcharakter greifen. Die gibt es selbst in BioWare-Spielreihen wie Mass Effect und Dragon Age.

Selbst ein Teil der Geschichte werden

Der Lehrer und Blogger Sascha Brittner erläuterte in der WASD #15 die Signifikanz von Charakter-Editoren in MMOs folgendermaßen:

"Als lebendig gewordener Character Creator biete ich anderen Spielern meine Dienste an: neue Frisuren, Fettabsaugung per Klick, Tattoos - alles ist möglich. Auf den ersten Blick mag das alles einem Gimmick gleichkommen, aber schlussendlich geht es hier um das Kreieren und Formen einer gemeinsamen Welt, wodurch Fans selbst ein Teil der Geschichte werden, was den Sog gerade eines MMOs noch weiter erhöht."

Achtung! Hier folgen Spoiler zu Dragon Age: Inquisition.

Der Proteus-Effekt

Der Proteus-Effekt ist ein wissenschaftliches Forschungsgebiet, bei dem davon ausgegangen wird, dass sich unsere Handlungen in digitalen Welten mit gesteuertem Avatar durch dessen Erscheinungsbild ändern. Spieler, die weibliche Figuren gefühlsbetonter spielen als männliche, fallen beispielsweise unter dieses Verhaltens-Phänomen. Ich selbst erstelle mir auch gerne Charaktere, die sich optisch und in ihrer Gesinnung, stark voneinander unterscheiden.

Sieht doch ganz nett aus, oder? Diese menschliche Pro-Zirkel-Magierin war mein wohl bösartigster Charakter in DA Inquisition. Bei ihr wurde Vivienne die neue Göttliche. Sieht doch ganz nett aus, oder? Diese menschliche Pro-Zirkel-Magierin war mein wohl bösartigster Charakter in DA Inquisition. Bei ihr wurde Vivienne die neue Göttliche.

Alleine Dragon Age: Inquisition habe ich um die 15 Mal durchgespielt. Nahezu alle Möglichkeiten des Editors wurden in stundenlanger Kleinstarbeit ausgereizt, um jedesmal den gewünschten Hauptcharakter zu erschaffen. Ob Elf*in, Qunari, Zwerg*in oder Mensch: Ich habe sie alle gespielt. Mit dem Aussehen, der von mir gewählten Klasse und dem Geschlecht schuf ich 15 völlig verschiedene Persönlichkeiten, mit unterschiedlichen Motivationen, Wünschen und Talenten. Einige waren extrovertiert, andere schüchtern. Die eine Elfin hat Gefährten Solas innig geliebt, die andere ohrfeigte ihn in hemmungsloser Rage.

Schon beim Erstellen der verschiedenen Avatare male ich mir die Gesinnung der Spielfigur aus: Wen könnte mein charmanter Krieger mit den nach hinten gekämmten, haselnussbraunen Haaren lieben? Sollte meine vom Leben gezeichnete, vernarbte Zwergenschurkin, die lorebedingt keine Verbindung zum Nichts und somit zur Magie hat, sich wirklich auf die Seite der abtrünnigen Magiebegabten schlagen, nur weil ich als Nele es so machen würde? Wie weit würde die tugendhafte, gerechte Qunari-Magiern in ihren Himmelfeste-Urteilen um Leben und Tod gehen? Und so weiter. In meinen Entscheidungen waren nicht nur die Spezies und die Klasse entscheidend, sondern auch ganz klar das Aussehen und das, was ich damit verbinde.

Dem charmanten Tempel-Ritter fiel es nicht schwer, sich für Dorian und die Befreiung der Magiebegabten zu entscheiden. Dem charmanten Tempel-Ritter fiel es nicht schwer, sich für Dorian und die Befreiung der Magiebegabten zu entscheiden.

Da geht mehr

Um abschließend noch einmal auf den statischen Witcher zurückzukommen: Bei der WitcherCon 2021 gaben CD Projekt Red Designer Phillipp Weber und Blazej Augustynek bekannt, dass das Entwicklungsteam für den ersten Teil der Reihe ursprünglich einen Charaktereditor vorgesehen hatte. Das Team entschied sich dann aber aus (Story-)Design-Gründen dagegen.

Vielleicht hätte ich mich mit dem Franchise besser anfreunden können, wenn ich mir meinen eigenen Geralt hätte erstellen können oder vielleicht sogar eine Geraldine. Zumindest wäre es aus meiner Sicht dann schon eher ein vollwertiges Rollenspiel gewesen und eventuell wären mir auch die immer wieder auftauchenden Bilder von Geralt in seiner Badewanne erspart geblieben …

Es mag sein, dass Witcher dank seiner unterschiedlichen Entscheidungswege und Skill-Optionen für viele in die Kategorie RPG fallen, für mich wird das aber bedeutungslos, wenn verschiedenste Möglichkeiten immer nur von ein und demselben, statischen Charakter repräsentiert werden.

Daher sind Charakter-Editoren gerade für Rollenspiele so wichtig, die uns mit verschiedenen Entscheidungen und Konsequenzen sowieso dazu verlocken wollen, sie mehrmals zu spielen.

Und wenn wir gerade beim Tagträumen im Bezug auf Editoren sind: Ich wünsche mir mehr und diversere Einstellungsoptionen für meine Spielfiguren. Gebt mir Muttermale, Narben, dicke Figuren, Hängebrüste, schlaffe Oberarme, trans Charaktere, tiefe Faltengesichter und die Möglichkeit, meinem Avatar körperliche Beeinträchtigungen zu geben. Vielfalt und Repräsentation sind wichtig, nicht nur für mich oder weil es mich speziell betrifft. Spiele sind für alle da und insbesondere bei Rollenspielen sollten wir uns unseren Hauptcharakter selbst erstellen können, um genau das zu tun, was der Genrename impliziert: in verschiedene Rollen schlüpfen ...

Mehr zum Thema Charakter-Editoren könnt ihr in unserem GamePro-Special nachlesen.

Dieser Artikel ist Teil unserer Held*innen-Themenwoche, die noch bis zum 13. August 2021 läuft und euch täglich spannende neue Artikel rund um das Thema Videospiel-Charaktere präsentiert. Alle Artikel unserer Held*innen-Themenwoche findet ihr hier in der Übersicht.

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