The Last of Us 2: Warum ich mich nicht mehr wirklich auf den Multiplayer freuen kann

Nach dem Multiplayer-Leak zu The Last of Us Part 2 ist sich GamePro-Gastredakteur Markus nicht sicher, ob er sich darauf wirklich freuen soll.

von Markus Trutt,
16.08.2020 09:00 Uhr

Der Last of Us 2-Multiplayer dürfte nicht annähernd so intensiv werden wie der Singleplayer. Der Last of Us 2-Multiplayer dürfte nicht annähernd so intensiv werden wie der Singleplayer.

The Last of Us 2 ist ein ultrabrutales Spiel, darüber dürfte es wohl kaum zwei Meinungen geben. Die schonungslose Gewalt wird allerdings niemals zum bloßen Selbstzweck, sondern immer im Sinne der Story und der Figurenentwicklung eingesetzt. Wenn Ellie sich durch die Reihen der Wolves metzelt oder Abby ums Überleben kämpft, geht das stets an die Nieren und illustriert den Abstieg in eine verhängnisvolle Gewaltspirale, bei der wir ein ums andere Mal lieber wegschauen würden.

Ganz anders dürfte sich das jedoch bei einem möglichen Multiplayer-Modus verhalten. Den gibt es in The Last of Us 2 bisher zwar nicht, doch schon in der Vergangenheit hat Naughty Dog angedeutet, dass später ein Online-Modus nachgereicht wird. Der könnte sich an dem des ersten Teils orientieren, soll jedoch als Standalone erscheinen:

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Nach einem mutmaßlichen Gameplay-Leak vor ein paar Tagen scheint das nun wahrscheinlicher denn je. Jedoch ist es fraglich, ob das wirklich eine gute Nachricht ist, dürfte der Last of Us 2-Multiplayer die Kernaussage der Singleplayer-Geschichte doch ad absurdum führen.

Der Last of Us-Multiplayer war grandios

Versteht mich nicht falsch: Beim ersten The Last of Us habe ich den Multiplayer geliebt! Der auf den Namen "Factions" hörende Modus wurde damals (anders als nun bei Teil 2) direkt mit dem Spiel mitgeliefert. Anders als erwartet war Factions kein stumpfes Deathmatch-Anhängsel, sondern entpuppte sich als durchaus anspruchsvoller Mehrspieler mit Taktik-, Crafting- und Stealth-Komponente. Selbst ich als Multiplayer-Muffel habe hier am Ende zig Stunden investiert (und stecke auch heute noch die eine oder andere weitere rein).

Daher war ich tatsächlich auch gespannt auf ein zeitgemäßes Update in The Last of Us 2 und dann im Vorfeld auch etwas enttäuscht, als feststand, dass das Spiel (vorerst) ohne Multiplayer erscheint. Inzwischen hat sich die Lage für mich aber aus einem einfachen Grund geändert: Ich habe The Last of Us 2 gespielt.

Zum Autor:
Neben seiner Tätigkeit als Redakteur bei Filmstarts unterstützt Markus (@Thr3eHeadedMonk) nun auch GamePro, schließlich sind Filme, Serien und Videospiele schon immer seine drei größten Leidenschaften. Besonders storygetriebene Singleplayer-Meisterwerke wie die beiden The Last of Us-Teile haben es ihm da angetan. Beim ersten Last of Us hat er sich aber auch in den Multiplayer verliebt. Bei Teil 2 sieht er das Ganze nun etwas kritischer...

Das ist Factions

Sollte der Last of Us 2-Multiplayer tatsächlich bald erscheinen, dürfte er dem des ersten Teils sehr ähneln. Schon das Singleplayer-Gameplay war stark an den Vorgänger angelehnt. Zudem deutet das auch nicht zuletzt der erwähnte Leak zum Modus an, der sich erneut Factions zu nennen scheint.

In Factions stehen sich zwei Fraktionen (im ersten Teil waren das die Fireflies und die Jäger) in verschiedenen Spielmodi in 4-vs.-4-Spieler-Kämpfen gegenüber. Auch wenn es im Hintergrund darum geht, in den Partien genügend Vorräte zu sichern, um für das Überleben unseres Lagers zu sorgen, ist das Hauptziel, das gegnerische Team zu töten und die meisten Kills zu bekommen. Schadenfreude, die mit einem Multiplayer nun mal gerne einhergeht, oftmals inklusive.

Im Last of Us-Multiplayer geht es ebenfalls hart zur Sache. Im Last of Us-Multiplayer geht es ebenfalls hart zur Sache.

Es lässt sich vielleicht darüber streiten, ob es nicht auch bei The Last of Us 1 schon eine Diskrepanz zwischen Singleplayer-Story und Multiplayer-Ausrichtung gab. In meinem persönlichen Empfinden hielt sich das damals aber in Grenzen. Natürlich ging es im Spiel wenig zimperlich zur Sache, die Gewalt selbst und gerade ihre langfristigen Folgen wurden meiner Meinung nach aber noch nicht so eindringlich reflektiert. Anders als bei Teil 2...

Gewalt ist nicht gleich Gewalt

In Factions geht es um das bloße Töten gesichtsloser Gegner ohne zusätzliche Ebene. Der als Rahmen angedeutete Survival-Aspekt ist nur eine zusätzliche Spielmechanik, bietet aber keinerlei Story-Grundlage zur Einordnung der Gewalt. Die Brutalität steht der im Singleplayer dabei in kaum etwas nach, zumindest war das bei Teil 1 der Fall. Auch hier kommt es zu teils drastischen Tötungsszenen, besonders bei den speziellen Exekutionen. Die sind an sich zwar optional, können aber auch Spielvorteile mit sich bringen und bei einzelnen Herausforderungen sogar nötig werden, um das Überleben unserer Gruppe zu sichern.

Auch wenn wir beide Parteien des Konflikts wählen können, macht das im Endeffekt überhaupt keinen Unterschied. Einen wirklichen Perspektivwechsel, bei dem wir wie im Singleplayer-Teil von The Last of Us 2 empathische Einblicke in beide Seiten bekommt, gibt es hier nicht. Das ist per se nicht so schlimm, schließlich hat der Multiplayer von Teil 1 bewiesen, dass er als solcher auch ohne derartige Kniffe wunderbar funktioniert.

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Auf The Last of Us 2 bezogen, stünde diese Multiplayer-Ausrichtung der zentralen Botschaft des Hauptspiels und dem Anspruch, den Naughty Dog hier an sich selbst gestellt hat, jedoch deutlich entgegen. Trotz aller Gewaltdarstellung ist das düstere Meisterwerk doch eher eine Anti-Gewalt-Parabel, bekommen wir als Spieler*innen doch eindringlich vor Augen geführt, dass Gewalt und Rache keine Erlösung bringen, sondern letztlich nur zu noch mehr Leid führen.

Wenn die so virtuos aufbereitete Aussage im Multiplayer plötzlich komplett fallen gelassen wird, fühlt sich das für mich unaufrichtig und einfach irgendwie falsch an. Naughty Dog täte damit sich und seinem Spiel keinen Gefallen.

Freue ich mich nun auf den Multiplayer?

Ich bin somit nach wie vor sehr zwiespältig, was den wohl kommenden The Last of Us 2-Multiplayer angeht, das aber keineswegs aus moralischen Gründen. Dafür mag ich das virtuelle Kräftemessen, Gewalt hin oder her, einfach zu sehr. Als großer Fan des Online-Überlebenskampfes in Teil 1 werde ich es sogar kaum verhindern können, mal reinzuschauen. Einen schalen Beigeschmack hätten die Mehrspieler-Gefechte allerdings schon, egal wie gut sie am Ende werden.

Der bekannte Factions-Ansatz würde die so effektiv und wegweisend in Szene gesetzte Singleplayer-Erfahrung mitsamt ihrer Botschaft für mich ein Stück weit schmälern. DIE große Stärke von The Last of Us 2 könnte somit selbst im Nachhinein ein paar Risse bekommen. Trotz der Beliebtheit von Factions hätte Naughty Dog das Ausnahmewerk The Last of Us 2 auch ganz ohne Online-Dreingabe einfach mal für sich stehen lassen können.

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Womöglich ist all das aber sogar genau der Grund, weshalb der neue Multiplayer nun offenbar als nachgeschobener Standalone-Modus geplant ist. Sollte der wirklich sehr losgelöst vom Hauptspiel sein und eventuell nicht mal mehr The Last of Us Part 2 im Titel tragen, könnte ich damit schon eher Frieden schließen. Und vielleicht finden die Entwickler ja sogar noch einen besonderen Dreh, um ihrer großartigen Singleplayer-Story Rechnung zu tragen. Ich glaube zwar nicht daran, lasse mich aber gern überraschen.

Wie seht ihr das? Freut ihr euch uneingeschränkt auf einen Last of Us 2-Multiplayer oder empfindet ihr ihn auch eher als unpassend?

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