Zu leicht? Zu schwer? Oder irgendwas dazwischen?
Die Frage, die sich in Hinblick auf spezialisierte Builds ergibt, ist aber letztendlich auch: Muss ich überhaupt mit Bedacht leveln? Denn zumindest die Testversion war für mich, als sehr Souls-erfahrenen und auch durchaus begabten Action-Spieler (Anm. D. Müller: das Eigenlob kann ich tatsächlich bestätigen) , flott durchspielbar. Zumindest von ein paar Schwierigkeitsspitzen in der zweiten Spielhälfte und gegen Ende abgesehen. Nach knapp 45 Stunden liefen bei mir die Credits über den Bildschirm und ich brauchte auch nur selten mehr als drei oder vier Versuche bei einem der 10 großen Endbosse.
Dazu sei aber gesagt, dass ich mich schon früh auf die flinke Proxima als Hülle fokussiert und sie auf ihre höchste Stufe quasi proximaximiert habe. Große Gegnergruppen waren mit ihrer flächendeckenden Blitz-Spezialattacke dann kein Problem mehr, Bosse dank vollständig aufgerüsteten Nah- und Fernkampfwaffen auch nicht.
Steigt ihr neu ins Genre ein oder tut euch generell mit schnellen Soulslikes schwer, dann dürfte Mortal Shell 2 aber auch sicherlich eine ganze Spur fordernder werden.
Vor allem dann mit dem Day One-Patch: Insbesondere im späteren Spielverlauf sollen Bosse nach dem Update zum Teil deutlich mehr Schaden austeilen, zwei erhalten sogar komplette, härtere Balancing-Reworks, da sie zum Testzeitraum noch nicht komplett fertig waren – und so wirkten sie auch, da ich sie ohne Probleme umkloppen konnte.
Schwierigkeitsgrad und Accessibility
Im Spiel gibt es zwei Modifizierungsmöglichkeiten:
- Das "Schlächtersiegel" macht das Spiel weitaus leichter, indem ihr bei Fernkampfattacken zusätzlich Haltungsschäden verursacht und dabei mir mächtige Finisher herbeiführen könnt. Zudem erhaltet ihr mehr Entschlossenheit und sogar Gesundheit durch die Finisher und könnt eine spezielle Faustattacke nutzen, die euch unverwundbar macht und automatisch die Haltung eurer Feinde bricht. Bei Nutzung des Siegels werden Trophäen aber deaktiviert.
- Der Nachtmodus kann nach dem Finden eines bestimmten Items ausgelöst werden und macht das Spiel schwerer. Er steigert die Anzahl der Gegner, gibt ihnen mehr HP, lässt sie mehr Schaden austeilen, erhöht aber auch die Drop-Raten von Münzen, Düsteressenz (das Mortal Shell-Äquivalent der Seelen) und Gegenständen.
Die Sprachausgabe von Mortal Shell 2 ist grundsätzlich Englisch vertont, Bildschirmtexte sind auf Deutsch anwählbar. Darüber hinaus lässt sich die Kameraerschütterung ausschalten, die Tastenbelegung frei wählen, das HUD größer skalieren, Post-Processing-Effekte wie Motion Blur und Vignetten deaktivieren und ein Farbblindheitsmodus wählen.
Tolle Atmosphäre und Level-Design, die aber unter einer schwächelnden Technik leiden
Die ganzen Spielmechaniken sind aber nur ein Teil der Mortal Shell 2-Spielerfahrung, der für mich ebenso große Part ist aber die Spielwelt, genauer gesagt ihre Gestaltung. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht:
Grund #1 - Spielerisch wird viel Abwechslung geboten. In der Oberwelt bin ich durch vernebelte Sümpfe gewatet und habe riesige Schlösser erkundet. Dabei habe ich viele versteckte Wege und Truhen entdeckt, das ein oder andere Easter Egg zum ersten Teil gefunden und gelernt, mir das offene Gelände zu Nutze gemacht, indem ich Feinde zu Klippen oder Sprengfässer gelockt habe. Und bin verdammt häufig irgendwo runtergefallen. Und in so ziemlich jede Bärenfalle getreten, die die Entwickler*innen von Cold Symmetry platziert haben …
Die Dungeons stehen dem in Nichts nach, im Gegenteil sogar: Zwar gibt es das ein oder andere klassische Schnetzel-Gemäuer, zumeist wartet in jedem Areal aber ein kleiner Twist. In einem Keller musste ich zum Beispiel besoffen mit sowohl vertikal als auch horizontal invertierter Steuerung einen feuerspeienden Hexer besiegen. Klingt erstmal frustrierend und löst sofort Panik aus, da der Gegner aber auch nicht so viel auf dem Kasten hat, fand ich die Szene ungemein witzig.
In einer Krypta habe ich hingegen ein paar auflockernde Schieberätsel gelöst und an einer anderen Stelle bin ich über rauchige und damit kaum erkennbare Brücken balanciert, während ich von Blitzgeistern beschossen wurde. Ganz schön aufregend und damit auch unterhaltsam, zumal mich die Umstellung auf neue Gegebenheiten und Herausforderungen ständig motiviert hat, weiterzuspielen.
Während einer Sequenz vollführt das Spiel sogar für ein paar Minuten einen kompletten Genrewechsel fernab eines Rollenspiels, aber den möchte ich euch auf gar keinen Fall spoilern. Er kam aber komplett unerwartet und ist dann zu einem kleinen Wow-Moment herangereift.
Grund #2 - Die optische Umsetzung ist großartig gelungen: Mortal Shell 2 bedient sich der kompletten Dark Fantasy-Palette, ich stakse also häufig durch neblige Wälder, an deren Bäumen nicht selten Soldaten aufgeknüpft sind, betrete verbrannte Schlachtfelder und marodieren mich durch kreidebleiche, außerweltliche Zitadellen.
Obwohl das Spiel zum günstigen Preis von 40 Euro angeboten wird und von einem eher kleinen Studio stammt, war ich überrascht, wie viel Abwechslung und Bildgewalt in den einzelnen Arealen steckt.
Zwar merkt man dem Spiel hin und wieder einige Wiederholungen beim Level-Design und den Gegnertypen an, die Macher*innen waren aber sichtlich bemüht, alles so zu arrangieren, dass es zumindest kleine optische Auflockerungen in Form von besonderen Dekorationen oder spielerische Varianz dank unterschiedlich zusammengestellter Gegnergruppierungen gibt.
Das alles wird auch hübsch von der Unreal Engine 5 aufbereitet: Volumetrische Lichter hüllen die Spielwelt in eine schaurige Atmosphäre, Attacken sind flüssig animiert und die Spielwelt wurde genau wie ihre Bewohner*innen mit zig schaurigen Details ausstaffiert. Ihr trefft an allen Ecken auf religiöse Ikonografie – wie abgewandelte Kreuze oder heidnische Runen – und könnt kleine Verzierungen auf den Rüstungen der Hüllen und Feinde erkennen.
Alles prima also? Leider nicht. Ich habe größtenteils auf der PS5 Pro im 60 fps-Leistungsmodus gespielt und vor allem in größeren Arealen mit vielen Gegnern kam es wie auch schon in Lords of the Fallen und Halo: Campaign Evolved zu spürbaren Rucklern inklusive Tearing.
Auch halbtransparente Effekte wie Rauch und Energieblitze haben für Framedrops gesorgt, zum Teil in einem Maße, bei dem ich wichtige Parries verpasst habe und dann aus meiner Hülle gedroschen wurde.
Zudem bin ich beim Spielen auf etliche kleinere Bugs gestoßen, von denen wohl auch der Day One-Patch nicht allesamt beheben wird. Eine Auswahl:
- Ich wurde von unsichtbaren Hitboxen gekillt, beispielsweise bei einem Fahrstuhl.
- Nach Crashes sind meine Seelen verschwunden, sofern ich zuvor gestorben bin.
- Eine optionale Sequenz ließ sich nicht abschließen, da eine Tür nicht geöffnet werden konnte.
- Gegner blieben zum Teil ohne Reaktion.
- Ich bin in einem Dungeon aus der Map gefallen.
- Gegner haben nach ihrem Tod noch eine Weile eine Kollisionsbox, Fernkampfattacken bleiben also daran stecken.
- Nach einem Waffenwechsel konnte ich nicht mehr parieren.
- Ein großes Sammel-Achievement wurde trotz 100%igem Abschluss nicht freigeschaltet.
- An einigen Stellen hat sich mein Charakter komplett verhakt.
Da sich die Ruckler glücklicherweise nicht durch alle Bereiche des Spiels ziehen und die Bugs in der Regel mit einem Neustart behoben werden konnten, ziehe ich insgesamt 5 Punkte von meiner Gesamtwertung ab. Und das ist wirklich ärgerlich, da Mortal Shell 2 trotz seiner Ambitionen viel richtig macht. Die finale Politur hätte dem Titel einfach noch gutgetan.
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