Scarlet Nexus im Test: Warum das neue JRPG eine Hit-Wertung kassiert

Das JRPG Scarlet Nexus bringt uns im Test sympathische Teenie-Helden in fetzigen Kämpfen – das macht Spaß! Nur die soziale Komponente kommt etwas zu kurz.

von Alex Ney,
23.06.2021 16:00 Uhr

Scarlet Nexus im Test für PlayStation und Xbox. Scarlet Nexus im Test für PlayStation und Xbox.

Persona 5 im Jahr 2100 mit flüssigen Echtzeitkämpfen im Stil von Tales of Berseria? Ja, so in etwa kann man sich Scarlet Nexus vorstellen. Denn auch in diesem Action-Rollenspiel stehen Teenie-Befindlichkeiten und Sozialinteraktion im Mittelpunkt, während es auf der anderen Seite um die Vernichtung einer Mutantenbedrohung geht. Kontrastprogramm? Haken dran.

Doch es geht noch weiter: Die flotten Hack&Slash-Scharmützel werden um einzigartige Psychokinese-Skills erweitert, die es uns gestatten, Widersacher mit umliegenden Objekten zu vermöbeln. Im Klartext hauen wir Gegnern nicht nur Laserdolche und Tech-Schwerter, sondern auch Stahlträger und Kleinbusse um die Ohren.

Dagegen erleben wir bei der Interaktion mit unseren Waffenbrüdern und -schwestern überhaupt keinen Mut zur Anarchie. Dialoge und Vertrauensepisoden (so eine Art Loyalitätsmissionen à la Mass Effect 2) machen uns nämlich zwangsweise zu jedermanns Liebling - ob uns das gefällt oder nicht.

Anderthalb Hauptgeschichten

Scarlet Nexus' Anstrich wirkt futuristisch, doch in Wahrheit spielt die Geschichte in einer alternativen Gegenwart. Wissenschaftler haben im menschlichen Gehirn das Psioniker-Hormon entdeckt, das den meisten Erdenbürgern übersinnliche Kräfte verleiht. Auf der negativen Seite haben damit verbundene Experimente gefährliche Mutanten - sogenannte Andere - hervorgebracht, die mit ihrem Hunger auf Gehirne den Fortbestand der Menschheit bedrohen.

Vor ihrem ersten Kampfeinsatz werden alle neuen AAS-Kadetten an das SAS-System angeschlossen. Leider tut der Vorgang höllisch weh. Vor ihrem ersten Kampfeinsatz werden alle neuen AAS-Kadetten an das SAS-System angeschlossen. Leider tut der Vorgang höllisch weh.

Deshalb wurde die "Anderen-Abwehrstreifkraft", kurz AAS, ins Leben gerufen, eine militärische Organisation aus Teens und Twens mit starken psychokinetischen Fähigkeiten. Hier schlüpfen wir entweder in die Rolle der pragmatischen Elite-Kadettin Kasane oder in die des ranggleichen, warmherzigen Yuito, um zahlreiche AAS-Einsätze zu bestreiten.

Die Wahl der Hauptfigur nimmt insofern Einfluss auf den Spielverlauf, als dass sich Bezugspersonen, Cutscenes und manche Nebenaufgaben ändern. Die wesentlichen Stationen der Story bleiben zwar gleich, ein zweiter Durchgang lohnt sich trotzdem allemal.

Zwischen den AAS-Einsätzen können wir über die Weltkarte auf ein Versteck zugreifen. Indem wir hier mit unseren Mitstreitern plaudern, gewinnen wir nach und nach deren Vertrauen. Zwischen den AAS-Einsätzen können wir über die Weltkarte auf ein Versteck zugreifen. Indem wir hier mit unseren Mitstreitern plaudern, gewinnen wir nach und nach deren Vertrauen.

Die von guten englischen oder japanischen Sprechern transportierte Handlung braucht zwar ein wenig, um in die Hufe zu kommen, packt aber ungemein, da Yuitos und Kasanes Schicksale in geheimnisvoller Weise miteinander verwoben werden. Wer keiner der beiden Sprachen mächtig ist, kann sich deutsche Untertitel zuschalten.

Der große Bruder schaut zu

Die Zentrale des Spiels ist die fiktive japanische Großstadt Suoh, die man sich als retrofuturistisches Tokio mit Abstraktionen von Weltwahrzeichen (selbst die Golden Gate Bridge ist vorhanden) und völlig überholten Autorikschas vorstellen kann. Interessanterweise ist nicht alles, was wir in den Hochhausschluchten sehen, tatsächlich vorhanden. So werden Leuchtreklametafeln oder Wegweiser am Boden von Gehirnaugmentationen erzeugt, die zudem über strenge Zensuralgorithmen verfügen. Verunfallte Menschen etwa sehen wir stark verpixelt.

In der Großstadt Suoh gibt es allerlei zu sehen und zu entdecken, doch an interaktiven Elementen hat sie nur ein paar Sammelobjekte und ansprechbare Städter zu bieten. In der Großstadt Suoh gibt es allerlei zu sehen und zu entdecken, doch an interaktiven Elementen hat sie nur ein paar Sammelobjekte und ansprechbare Städter zu bieten.

Doch die in detaillierter Cel-Shading-Grafik dargestellte Stadt ist nicht nur zum Anschauen gut. Wir können hier mittels Haupteinsätzen die Geschichte vorantreiben, einen der zahlreichen Nebenaufträge annehmen, oder uns mit unseren Begleitern sowie dem Stadtvolk unterhalten. Allerdings schlägt letzteres oft Wurzeln in den Beton und kennt gerade mal einen Dialog pro Kopf.

Da sind die Konversationen mit unseren Mitstreitern, die zuweilen über einen "Gehirn-Messenger" laufen, schon deutlich interessanter. Aber sie sind reines Erzählelement und können nicht beeinflusst werden, was besonders bei Vertrauensepisoden negativ ins Gewicht fällt. Denn das Vertrauen unserer Kollegen gewinnen wir unter diesen Umständen ja zwangsläufig - und somit auch damit einhergehende Vorteile im Kampf.

Scarlet Nexus: Launch-Trailer stimmt auf das Action-Rollenspiel ein 1:38 Scarlet Nexus: Launch-Trailer stimmt auf das Action-Rollenspiel ein

Als die Autos fliegen lernten

Zu den schon angepriesenen Hack&Slash-Gefechten kommt es hauptsächlich im Rahmen von geradlinigen AAS-Einsätzen. Die führen uns zumeist an entlegene Orte wie einen stillgelegten Bahnhof mit ausrangierten Zugwaggons, oder an eine von rostigen Hochhausgerüsten dominierte Baustelle. Freies Speichern ist tabu, jedoch fungieren überall platzierte Ausrüstungshändler als Speicherpunkte.

Mit einer wechselnden Party von maximal drei aktiven und zwei passiven AAS-Angehörigen setzen wir uns hauptsächlich gegen "Andere" zur Wehr. In der Regel sind das humanoide Kreaturen mit biomechanischen Torsi und klingenartigen Gliedmaßen; es gibt aber auch aus dem Rahmen fallende Bosse in Gestalt von riesigen Widderskeletten oder umherrollenden Kreissägen.

Jeder unserer Begleiter verfügt über individuelle Fähigkeiten. Die AAS-Soldatin im Hintergrund zum Beispiel kann sich für begrenzte Zeit klonen. Jeder unserer Begleiter verfügt über individuelle Fähigkeiten. Die AAS-Soldatin im Hintergrund zum Beispiel kann sich für begrenzte Zeit klonen.

Während sich unser Charakter entlang eines umfangreichen Fertigkeitsbaums relativ frei entwickeln kann, ist das wirklich Besondere am Kampfsystem von Scarlet Nexus, dass wir die Spezialfähigkeiten aktiver Mitstreiter ausleihen dürfen. So können wir zum Beispiel unsere Schwertangriffe mit Elementarmagie versehen oder uns temporär unsichtbar machen.

Außerdem ist es uns erlaubt, einen Anderen noch während einer Schwertkombo mit einem schweren Objekt zu bewerfen, um kurz darauf schon die nächste Nahkampfattacke folgen zu lassen. Das Ende solch fließender Misch-Kombos bestimmt nur die auslaufende Psycho-Anzeige, die ihre Energie aus gelandeten Treffern bezieht. Wer übrigens glaubt, dass Kleinbusse das Ende der Fahnenstange sind, glaubt falsch: Mit der Kraft der Psychokinese lassen Kasane und Yuito ihre Gegner sogar von langen Zügen überrollen! Das Einzige, was den Spaß etwas trübt, ist das fummelige Wechseln des aktiven Ziels.

Bosskämpfe gehören bei Scarlet Nexus zum guten Ton. Dieser Skelett-Widder zählt zu den kleineren Chefmonstern und ist nicht allzu schwer zu besiegen. Bosskämpfe gehören bei Scarlet Nexus zum guten Ton. Dieser Skelett-Widder zählt zu den kleineren Chefmonstern und ist nicht allzu schwer zu besiegen.

Frischzellenkur für Hack&Slash-Kämpfe, aber ...

So frisch wie in Scarlet Nexus hat sich Hack&Slash lange nicht mehr angefühlt. Die wuchtigen Psychokinese-Skills und kombinierbaren Fähigkeiten schaffen eine langfristig motivierende Kampf-Sandbox - und auch die menschliche Story erhöht dank einer gewissen Flexibilität den Wiederspielwert.

Umso trauriger ist es da, dass uns Bandai Namco in Dialogen und Vertrauensepisoden keinerlei Entscheidungsfreiheit einräumt. Denn so wirkt die soziale Komponente wie ein gigantisch aufgeblähtes Erzählelement, das die ganze Zeit über danach schreit, entweder verschlankt oder gleich richtig verbessert zu werden.

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