Zu Unrecht verurteilt? Warum Assassin's Creed: Unity besser ist als sein Ruf

Assassin's Creed hat mit Origins und Odyssey einen deutlichen Wandel hinter sich. Das liegt unter anderem auch an Unity, dass zum Release für viel Wirbel gesorgt hat.

von Maximilian Franke,
12.05.2019 12:00 Uhr

Ich finde, dass Unity nicht so schlecht ist, wie es wahrgenommen wird.Ich finde, dass Unity nicht so schlecht ist, wie es wahrgenommen wird.

Auf Assassin's Creed: Unity ruhten zum Release große Hoffnungen. Ubisoft wollte mit wunderschöner Grafik, einem Koop-Modus und einigen spielerischen Neuerungen die Next-Gen-Konsolen erobern. Doch der Plan ging schief, denn Unity war vom Start weg von vielen Bugs und fragwürdigen Mikrotransaktionen durchsetzt.

Das Spiel kassierte dementsprechend schlechte Wertungen und gilt für viele auch heute noch als Tiefpunkt der Reihe. Im GamePro-Ranking liegt es ebenfalls auf dem letzten Platz aller großen Assassin's Creed-Releases.

Es lebt: Umso interessanter ist, dass sich auch jetzt immer wieder auf YouTube, Kolumnen, Blogs oder im allgemeinen AC-Subreddit Spieler melden, die positiv auf Unity zurückblicken. Ähnlich wie ich sind sie auf der spielerischen Ebene eigentlich sehr zufrieden, sofern der Blick hinter die anfängliche Schicht aus Bugs reichte. Auf Reddit sorgt die Unity-Euphorie schon für Verwunderung.

Nach dem tragischen Brand der echten Notre Dame und einer Gratis-Aktion von Ubisoft kommen weitere, überzeugte Spieler hinzu. Als heimlicher Fan von Unity freut mich Letzteres natürlich, immerhin macht das Spiel in meinen Augen einiges richtig, was mir in Spielen wie Origins oder Odyssey fehlt.

Unity hatte zum Start viele Probleme, doch die haben leider über die großen Stärken des Spiels hinweggetäuscht.Unity hatte zum Start viele Probleme, doch die haben leider über die großen Stärken des Spiels hinweggetäuscht.

Weniger (Spielwelt) ist mehr

Assassin's Creed: Odyssey wird völlig zurecht für die riesige Open World gelobt. Griechenland sieht großartig aus und ist sehr umfangreich. Unity geht dagegen einen anderen Weg. Paris ist zwar ebenfalls weitläufig, aber bei weitem nicht so gigantisch wie Griechenland oder Ägypten. Dafür ist es deutlich facettenreicher.

Die verschiedenen Stadtteile unterscheiden sich spürbar voneinander. Von Slums über schicke Villenviertel, bis hin zu Palästen und Gartenanlagen - jedes Pariser Viertel hat seinen eigenen Look. Das ist nicht nur optisch abwechslungsreich, sondern sorgt dafür, dass ich mich nach einigen Spielstunden auch ohne Map gut zurechtfinde.

Die Wahrzeichen wie Notre Dame, die Bastille oder der Palais Royale stechen durch die vergleichsweise kleine Map deutlich hervor und helfen bei der Orientierung. Bei Odyssey - ohne das Spiel schlecht reden zu wollen! - sieht hingegen für mich jede Insel gleich aus.

Von allen Map-Varianten, mit denen Ubisoft bis heute experimentiert hat, gefällt mir eine einzelne Stadt ohne viel drumherum mit Abstand am besten, weil sich die Konzentration auf einen Ort merklich auf den Detailgrad auswirkt.

Wunderschöne Stadt Paris sieht nicht nur weiterhin großartig aus, es wirkt auch wesentlich dichter und detaillierter als z.B. Athen.

So viele Menschen Menschenmassen sehen nicht nur cool aus, sondern beeinflussen auch das Gameplay.

Paris: Genau richtig. Zugegeben, es gab viel zu viel Kleinkram zu tun, aber die Größe von Paris war perfekt.

So viel zu sehen. Dieser Eindruck entsteht etwa dadurch, dass Paris sehr dicht bebaut ist. Optische Feinheiten wie kleinere Objekte, trocknende Wäsche, Dreck, usw. sind daher viel enger auf einem Fleck konzentriert und fallen dadurch deutlicher auf. Kaum eine AC-Stadt wirkt so lebendig wie Paris.

Das liegt nicht zuletzt auch an den großen Menschenmassen, die es ausschließlich in Unity gibt. Das Feature war zwar bereits im allerersten Assassin's Creed 1-Trailer zu sehen, außer in Unity war es aber in keinem Spiel der Reihe zu finden. Die Menschenmengen lassen die große Stadt nicht nur glaubhafter wirken, sondern wirken sich als Hindernis auf der Flucht oder mögliches Versteck auch spielerisch aus.

Als Klettern noch wichtig war

Die dichtere Bebauung ermöglicht es außerdem, ganz Paris zu durchqueren, ohne einmal den Boden zu berühren. Das geht ohnehin in mittelalterlichen Städten wie Jerusalem oder Florenz durch die hohen Gebäude am besten, Unity fügt allerdings einige Verbesserungen beim Klettersystem hinzu.

Hoch hinaus Das Erklimmen von hohen Gebäuden spielt heute leider nur noch eine untergeordnete Rolle.

Nie am Boden Die mittelalterliche Architektur ermöglichte es, nahezu permanent über dem Boden zu bleiben.

Erstmals in der Geschichte der Reihe können viele Häuser richtig betreten und erkundet werden. Außerdem gibt es eine Taste, um ausschließlich nach unten zu klettern, was eine wichtige Komfort-Funktion ist. Leider ist Parkour als Fortbewegung seit Origins zunehmend in den Hintergrund gerückt. Das merke ich nicht nur spielerisch, sondern auch optisch.

Schöne Animationen. Kein Assassine bewegt sich so flink durch Häuserschluchten wie Arno. Die Kletter- und Sprung-Animationen sind auch nach heutigem Maßstab großartig. Dagegen wirken die Bewegungen von Bayek und Kassandra deutlich rudimentärer. Verständlich, immerhin laufen oder reiten sie ohnehin die meiste Zeit und klettern nur noch selten.

Sicher, einige Kletter- und Kampfanimationen sind unrealistisch stylisch, aber Assassin's Creed hatte seit dem ersten Teil immer wieder "übertrieben coole" Animationen: Wenn sich Altair beispielsweise langsam seinen Weg durch eine Menschengruppe gebahnt hat oder Ezio zwei Wachen gleichzeitig erdolchte. Arno hat viele Bewegungen dieser Art auf Lager. Das ist "Stil über Substanz", klar. Aber ich finde das klasse und vermisse es.

Ich stimme dem Titel dieses YouTube-Videos zwar nicht zu, allerdings zeigt es sehr schön die Unterschiede in der Qualität der Animationen:

Mehr Assassine als Krieger

Die Animationen führen mich auch direkt zum nächsten Punkt, den ich an Unity mag: das Kampfsystem. Das macht nicht nur visuell mehr her als das seiner Nachfolger, es ist auch weniger RPG-Charakterwerte-lastig und vor allem kein Allheilmittel.

Damit meine ich, dass Kämpfe mit mehreren Gegnern, im Vergleich zu den Vorgängern, so schwer sind, dass Flucht oft die beste Alternative ist. Arno muss sich deshalb, anders als Ezio und Altair, viel häufiger zum Weglaufen entscheiden.

Zudem haben weder Arno, noch seine Gegner viele Lebenspunkte. Ich muss also nicht 20 Mal auf eine normale Wache einschlagen, bis sie zu Boden geht. Dafür sind schnelle Reaktionen mit Ausweichen, Blocken und Parieren umso wichtiger, um nicht selbst zu sterben.

Mit Ruhe: Durch die schweren Kämpfe ist Schleichen nicht nur eine Option, sondern oft auch Pflicht. Umso besser, dass es endlich auch eine Ducken-Taste gibt, mit der ich mich hinter Objekten verstecken kann. Damals war das ein Novum für die Reihe. Bis dahin konnte ich mich lediglich in hüfthohe Büsche hocken, in denen mich die Wachen aus irgendeinem Grund nicht sehen konnten.

Kämpfen Kampfsystem und Animationen waren in keinem Assassin's Creed so gut, wie in Unity.

Schleichen Weil die Kämpfe gegen mehrere Gegner schnell schwer wurden, war Schleichen meist die bessere Strategie.

Fliehen Da Arno nicht viel aushält, immerhin ist er kein gepanzerter Soldat, bleibt häufig nur die Flucht und das ist gut so.

Obwohl die (wohlgemerkt: vorhandene) versteckte Klinge jeden Gegner sofort besiegt, kommt mir Schleichen in Unity selten übermächtig vor. Das gilt vor allem für die coolen Attentatsmissionen, die ein kleines bisschen wie "Hitman in seicht" funktionieren. Schade, dass es die nicht mehr gibt.

Unity setzt die Mischung aus Schleichen und fehlender Kampf-Übermacht von allen Teilen sicherlich nicht perfekt, aber in meinen Augen am besten um und ich hätte für die nächsten Spiele gerne mehr in diese Richtung gesehen. Ein Assassine ist nunmal keinFrontschwein.

Was wäre wenn?

Letztendlich dürfte Unity ein wichtiger Faktor in der Entscheidung Ubisofts gewesen sein, das Franchise nach dem ebenfalls mäßig erfolgreichen Syndicate und einer Kreativ-Pause mit einem "Soft-Reboot" weiterzuführen. Bekommen haben wir dafür die "Light-RPGs" Origins und Odyssey.

Schlimm ist das nicht, aber noch lieber wären mir Action-Adventures gewesen, die sich an den Stärken von Unity orientieren. Ich erinnere ich mich wohlwollend an das virtuelle Paris zurück. Das Chaos um all die Probleme sorgte letztlich dafür, dass die Stärken des Spiels für folgende Teile zu Unrecht über Bord geworfen wurden.

Vor allem frage ich mich, wie Assassin's Creed als Reihe heute aussehen könnte, wenn es all die Probleme zum Unity-Release nicht gegeben hätte. Eine kleinere, dafür facettenreichere Spielwelt, schicke Animationen und ein forderndes Kampfsystem würde ich nämlich gegenüber den umfangreichen RPG-Features eindeutig bevorzugen.

Assassin's Creed: Unity - Trailer: Wie viel Freiheit bietet das Spiel? 2:32 Assassin's Creed: Unity - Trailer: Wie viel Freiheit bietet das Spiel?


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