E3: Nintendo-Pressekonferenz - Analyse - U-Turn für den Kernmarkt

Seltsamer Name, klobiger Controller: Wie Nintendo mit einem iPad/DS/Wii-Hybriden und HD-Grafik die Hardcore-Spieler locken will.

von Thomas Wittulski,
08.06.2011 16:50 Uhr

Den letzten beißen die Hunde, sagt man. Manchmal werden sie aber auch verschont. Wie im Falle von Nintendo: Der japanische Traditionshersteller war der letzte der großen Drei. Zumindest zeitlich, was die großen Pressekonferenzen angeht, auf denen Jahr für Jahr unmittelbar vor Eröffnung der E3 die Neuheiten zelebriert werden. In gewisser Weise werden die Letzten dieses Jahr sogar die Ersten sein, wenn man die im Vorfeld angekündigte und durch zahlreiche Spekulationen begleitete Ankündigung einer neuen Heimkonsole betrachtet. Und so sind Hunderte Journalisten in Los Angeles und Millionen Spieler weltweit vor den heimischen Bilschirmen zusammengekommen, um sich anzusehen und anzuhören, was die Obersten bei Nintendo zu verkünden haben – entweder von Angesicht zu Angesicht im Nokia Theatre oder im Internet-Livestream. Immerhin sind es solche Momente, für die wir die E3 so lieben!

Zelda: Skyward Sword wurde bei der Show nicht gesondert erwähnt Zelda: Skyward Sword wurde bei der Show nicht gesondert erwähnt

Die Konkurrenz hatte tags zuvor die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Große Überraschungen blieben hier aber aus. Und so hatte Nintendo alle Trümpfe in der Hand und begann gleich mal mit einem Paukenschlag. Und das im wörtlichen Sinn: Ein Orchester spielt zum 25-jährigen Jubiläum der Zelda-Serie bekannte Themen aus der Spielereihe. Das Publikum ist hellauf begeistert. Im Anschluss versucht sich Nintendo-Visionär Shigero Miyamoto als Dirigent: Das Orchester spielt die bekannten Zelda-Melodien, etwa die fröhliche Tonmelodie, die einem entgegen springt, wenn man eine Truhe öffnet. »Das weckt Kindheitserinnerungen«, sagt er. Recht hat er. Und für alle Fans der Reihe hat der Schöpfer von Mario und Link auch noch eine ganze Reihe Spiele in der Pipeline: Link’s Awakening ist ab sofort als Download verfügbar, Ocarina of Time 3D erscheint kommende Woche für den 3DS, Four Swords erscheint im September als kostenloser Download und Skyward Sword gibt’s zu Weihnachten für die Wii. Eine würdige Geburtstagsfeier!

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Super Mario 3D - das neue Mario für den 3DS. Mit Waschbärkostüm! Super Mario 3D - das neue Mario für den 3DS. Mit Waschbärkostüm!

Spieleseitig gab’s bei Nintendo einige bekannte Marken zu sehen, zu denen in Kürze neue Teile für den 3DS erscheinen werden. Darunter etwa ein neues Mario Kart, in dem man neben den Karts auch Gleiter steuern kann, Starfox 64 3D, das bereits bekannte Kid Icarus Uprising und Luigi’s Mansion 2. Auch Super Mario 3D befindet sich bei Nintendo in der Entwicklung. Darin befinden sich sowohl Levels, die an Super Mario Galaxy erinnern, als auch welche, die von Mario Bros. 3 inspiriert sind. Dann gab’s auch einige Titel von Drittherstellern zu sehen: Resident Evil, Ace Combat 3D, Mario und Sonic, Driver: Renegade, Metal Gear Solid: Snake Eater 3D und Tekken 3d – um nur ein paar zu nennen. Bis auf Mario und Kid Icarus ist das Line Up für den 3DS von Nintendo selbst etwas mau, vor allem wenn man bedenkt, dass der Hersteller die durchwachsenen Verkaufszahlen des Handhelds nur durch neue Originale pushen kann. Und bei Nintendo-Systemen ziehen traditionell die First-Party-Titel am meisten. Auch die anwesenden Journalisten hatten nur einen lauwarmen Applaus für die Spiele parat.

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Die Wii U - die gezeigten Zelda-Szenen sind leider nur eine Techdemo. Die Wii U - die gezeigten Zelda-Szenen sind leider nur eine Techdemo.

Und dann war es soweit: Reggie Fils-Aimes präsentierte der Weltöffentlichkeit Nintendos neues Baby: Die Wii U. Der Name verrät schon, dass Nintendo nicht all zu weit weg von seinem Konzept der Bewegungssteuerung will. Aber man wolle auch die Zielgruppe erweitern und »alle Spieler« ins Boot holen, also auch all diejenigen, die bei der Wii wegen der technischen Überlegenheit und dem »erwachsenerem« Spielangebot der Konkurrenz über Bord gehüpft sind. Dazu hat man allem Anschein nach die Hardware der Konsole aufgemöbelt, so dass diese nun den Konsolen von Microsoft und Sony mindestens ebenbürtig ist. Allerdings spielte die Konsole selbst und deren Hardware-Fakten auf der Pressekonferenz keine Rolle. Viel mehr drehte sich alles um den neuen Controller, der die üblichen Knöpfe (Digipad, vier Schultertasten, zwei Analogsticks, …) mit einem mittig platzierten Bildschirm verbindet. Auf dem lässt sich dann etwa das Spiel (gestreamt) weiterspielen, wenn ein Familienmitglied fernsehen möchte. Oder Entwickler nutzen den Screen wie beim DS als Platz für Zusatzinfos und bilden hier beispielsweise das Inventar ab. Oder der Bildschirm wird als Zielfernrohr genutzt. Da gibt es viele Möglichkeiten, die den Spielmachern offen stehen. Bei ausgeschalteter Konsole sollen auf dem Controller auch einfachere Spiele, wie Brettspiele möglich sein. Kamera, Mikrofon und Bewegungserkennung erweitern das Steuerungsspektrum des neuen Controllers. Die Wii U ist komplett abwärtskompatibel zur Wii, auch Remote und Nunchuk können weiter benutzt werden.

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Mit der Wii U lassen sich bei Tekken zum Beispiel die Gesichter "verschönern". Mit der Wii U lassen sich bei Tekken zum Beispiel die Gesichter "verschönern".

Nintendo hat auch gleich zwei Spiele angekündigt: Ein neues Smash Bros., welches gleichzeitig auch für den 3DS erscheint und über beide Plattformen hinweg einen Mehrspielermodus haben wird und Zelda, welches angesichts der neuen Grafik-Power richtig gut aussieht. Die gezeigten Szenen waren allerdings nur eine Techdemo. Darüber hinaus gab es einige Minispiele zu sehen. Mehr gab es da von Dritthersteller-Seite: Kurze Ausschnitte von Darksiders 2, Tekken, Batman: Arkham City, Assassin’s Creed, Ghost Recon Online, Dirt, Aliens: Colonial Marines, Metro: Last Night und Ninja Gaiden 3 liefen über die große Leinwand. Und Electronic Arts-CEO John Riccitiello spricht auf der Bühne über Battlefield 3 und Madden. Nicht schlecht! Der Support der Publisher ist groß und das neue Nintendo-System scheint nun auch für Umsetzungen von grafikaufwändigen Multiplattform-Titeln wieder interessant zu sein – auch wenn die gezeigten Ausschnitte offenbar noch von den Xbox 360- und PlayStation 3-Versionen der Spiele stammten. Bleibt nur die Frage, wie sich die Spiele mit dem neuen Controller spielen. Denn anders als die klassischen, handlichen PS3- und Xbox-Pads ist das Wii U-Pad ein richtiges Brett. Offen bleibt auch, inwiefern die begeisterten Entwickler die Möglichkeiten des zweiten Bildschirms nutzen und die Konsole nicht nur für einfach Umsetzungen bereits erschienener Spiele gebrauchen.

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Unser Fazit: Auf einem Bein kann man nicht stehen – zumindest nicht lange. Das hat auch Nintendo verstanden und präsentierte mit der Wii U nun das vierte Standbein (neben Wii, DS und 3DS), auf dem der Hersteller seinen Erfolg weiter ausbauen will. Allerdings gab es zur Wii und zum DS reichlich wenig bis gar nichts zu sehen, Nintendo konzentrierte sich auf die neuen Plattformen. Beim 3DS hätten wir uns etwas weniger Umsetzungen alter Spiele und dafür mehr Originale gewünscht. Die Wii U hingegen ist sehr interessant, aber auch hier bleibt abzuwarten, wie die Entwickler das Konzept nutzen. Die Fraktion eingefleischter Spieler wieder mitzunehmen macht Sinn, da diese leichter für neue Hardware zu begeistern sind – im Gegensatz dazu wird es spannend zu sehen, wie Nintendo den Wii-Casual-Spielern die neue Konsole schmackhaft macht und wie sie angenommen wird. Die Abwärtskompatibilität zu Wii-Spielen und Hardware ist da ein guter Anfang. Auch spannend: Wie stark ist die Wii U wirklich? Dass sie mit PS3 und Xbox 360 mithalten kann, dürfte klar sein. Klar ist aber auch, dass die neue Nintendo-Konsole wiederum ziemlich alt aussehen dürfte, wenn Sony und Microsoft im kommenden Jahr ihrerseits neue Konsolen ankündigen sollten – vorausgesetzt, da schlummern nicht noch ein paar Hardware-Reserven in der kleinen unscheinbaren Box, die bei der Präsentation nur die zweite Geige spielen durfte.

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