Nachdem ich euch vor Release mangels Key leider keine Eindrücke zu Life is Strange: Reunion schreiben konnte, habe ich mir das Wiedersehen von Max und Chloe jetzt über’s Wochenende vorgeknöpft – und meine PS5 nach dem Abspann zunächst mit gemischten Gefühlen ausgeschaltet.
Reunion kommt mit dem gewohnt seichten Gameplay daher, schickt mich auf eine packende emotionale Achterbahnfahrt, nimmt an einigen Stellen jedoch eine Abkürzung, wo eine Extrameile nötig gewesen wäre.
Eine wichtige Info vorweg
Reunion ist nicht nur die direkte Fortsetzung von Life is Strange: Double Exposure, sondern setzt zudem voraus, dass ihr das erste Abenteuer von Max und Chloe aus dem originalen Life is Strange und bestenfalls auch das Prequel Before the Storm gespielt habt.
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Life is Strange: Reunion schickt Max auf ihr letztes Abenteuer – und bringt eine alte Bekannte zurück
Zwar könnt ihr euch vor dem Spielstart eine kurze Story-Zusammenfassung anschauen, die wichtige Ereignisse aus den Vorgängern zeigt. Ohne die Titel selbst gespielt zu haben, rate ich euch jedoch klar vom Kauf ab, da schlichtweg die emotionale Bindung zu den Ereignissen und Chloe fehlt.
Ein packendes Abenteuer mit emotionalen Hürden
Ohne euch zu spoilern, vorab lediglich die Ausgangslage von Reunion, das wenige Monate nach den Ereignissen an der Caledon University aus Double Exposure spielt.
Um einen Brand auf dem Campus zu verhindern, bei dem neben Physik-Nerd Moses auch viele weitere Studierende sterben, reist Max dank ihrer Zeitreise-Kräfte wenige Tage zurück in die Vergangenheit. Als wäre das nicht schon aufreibend genug, sind durch die Ereignisse am Ende des Vorgängers zwei Paralleluniversen miteinander verschmolzen, wodurch auch Chloe ins Leben von Max zurückkehrt.
Und an der Stelle komme ich direkt zur ersten Hürde, die ihr bei Reunion nehmen müsst.
Habt ihr euch nämlich im originalen Life is Strange für Chloes Tod entschieden und seht jetzt, wie der durch einen recht “billigen” Universen-Trick revidiert wird, kann euch das emotional komplett von der neuen Geschichte entkoppeln. So, wie es jüngst meiner Kollegin Eleen beim Anspielen ergangen ist:
Schlicht aus dem Grund, weil Reunion das packende Ende aus Life is Strange "überschreibt" und ihr erneut in ein Gefühlschaos geschmissen werdet, mit dem ihr schon längst abgeschlossen habt. Ist das nichts für euch, lasst Reunion besser im Regal und bewahrt euch euer Ende von Chloe.
Für mich, der Arcadia Bay in den stürmischen Untergang getrieben hat - sorry dafür - war die Rückkehr und das erneute Zusammenspiel zwischen Max und Chloe jedoch wieder ein emotionales Story-Highlight. Abwechselnd in die Rollen der beiden zu schlüpfen und zu sehen, wie sich ihre Beziehung nach all den Jahren entwickelt und sie sich gemeinsam dem anbahnenden Chaos stellen, hat mich einmal mehr an den Bildschirm gefesselt.
Speziell Chloe, die ihr Herz weiterhin auf der Zunge trägt und mit ihren lockeren Sprüchen einer Max zur Seite steht, die das Gute in der Menschheit sieht, ist fantastisch. Reunion ist eine zutiefst menschliche und aufbauende Geschichte in einer Zeit, die oft unmenschlich wirkt.
Reunion kommt zudem mit so vielen und so schwierigen Entscheidungen daher, wie kein Teil der Reihe zuvor. Dabei kann es durchaus passieren, dass ihr eine liebgewonnene Figur opfern müsst, nur um eine andere vor dem Tod zu bewahren.
Schade ist nur, dass die bekannten Statistiken, wie sich andere Spieler*innen entschieden haben, erst am Ende zu sehen sind. Der Grund dafür ist schlichtweg, dass Reunion komplett ohne Kapitel daherkommt. Gerne hätte ich jedoch schon früher gesehen, ob die Mehrheit anders entschieden hat und ich einfach nur ein gefühlskaltes Monster bin.
Gehe ich also rein nach der emotionalen Geschichte und seinen Figuren, ist Reunion im direkten Vergleich zu Double Exposure für mich das bessere Spiel. An die erzählerische Klasse des Originals kommt das Wiedersehen der beiden jedoch nicht heran, das vor allem mit seinem Ende zu den besten Story-Spielen überhaupt zählt.
Optionen für mehr Barrierefreiheit
Entwickler Deck Nine hat wie zuletzt Double Exposure auch Reunion mit allerhand Accessibility-Einstellungen versehen. Darunter unter anderem folgende:
- Mehr Zeit für Entscheidungen
- Kameraassistenz: Die Kamera bleibt stets hinter Max
- Hotspot-Erkennung: Mit L2 werden alle Interaktionspunkte hervorgehoben. Optional weist zudem ein Ton auf einen nahen Hotspot hin
- Gameplay überspringen: Aktionen, die mehrere Tasteneingaben erfordern, werden komplett übersprungen
- Trigger-Warnungen: Vor einer entsprechenden Szene erscheint im Bild eine Warnung
- Steuerung individuell anpassen
- Legasthenikerfreundliche Schrift: Die Standard-Schriftart wird durch eine klarer zu lesende Schriftart ausgetauscht.
Die Schattenseiten von Life is Strange: Reunion
Doch Reunion kommt auch mit deutlichen Schattenseiten daher, die mich beim Spielen teils arg gestört haben.
Allen voran dem Punkt, dass Deck Nine eine Art von Level-Recycling betreibt, wie ich es noch in keinem zweiten Spiel erlebt habe. 90% der Locations kenne ich bereits aus Double Exposure und egal ob ich gerade durch Amandas Kneipe “Snapping Turtle” laufe, in Moses Observatorium nach Hinweisen suche oder durch Max’ schicke Holzbude laufe, nichts davon ist neu.
Und klar, beide Titel spielen am selben Ort, jedoch macht es sich Deck Nine hier sehr, sehr einfach. Die riesige Caledon University mit ihren vielen Fakultäten hat sicher noch ein paar weitere Räumlichkeiten zu bieten, als die, die ich bereits in Double Exposure mit Max durchstreift habe.
Mein zweiter Kritikpunkt gilt einmal mehr dem Gameplay, das abermals seichter kaum sein könnte und in Reunion zudem lediglich auf Altbekanntes zurückgreift.
- Mit Max spule ich stumpf die Zeit zurück und bekomme so beispielsweise in Dialogen neue Antwortmöglichkeiten, was teils stark an wildes Rumprobieren erinnert. Wähle ich in einem Gespräch die falsche Antwort, starte ich die Unterhaltung nämlich einfach von vorn.
- Bei Chloe kann ich lediglich dreimal im Spiel auf ihre Redekunst zurückgreifen. Das ist nicht viel mehr, als in einem Dialog das passende starke Argument aus mehreren Antwortmöglichkeiten auszuwählen. Gelingt mir das mehrfach in Folge, ist ihr Gegenüber überzeugt, was wiederum neue und oftmals positive Wendungen in der Geschichte hervorbringt.
Es geht in Life is Strange zwar vorrangig um die Geschichte und um das Treffen von Entscheidungen. Das Spielerische ist jedoch so rudimentär, dass ich mir teils schon veräppelt vorkomme. Double Exposure hat es hier immerhin noch geschafft, mit dem Gang durch die Zeitlinien einen neuen Gameplay-Spin einzuführen, der bei Reunion aber schon wieder Geschichte ist.
Unschöne technische Mängel
Bei meinem dritten und letzten Kritikpunkt geht es um die technischen Mängel der gespielten PS5-Version. Vorab: Keine Sorge, ich bin weder über schlimme Bugs gestolpert noch über Probleme mit der Framerate.
Deck Nine packt neben der gewohnt schicken Grafik, den hervorragend auf Deutsch vertonen Gesprächen mit ihren teils sehr guten Gesichtsanimationen, aber auch einige durchaus nervige Schönheitsfehler in Reunion. Allen voran Pop-Ins, gelegentliches Textur-Geflacker und kantige Schatten, die mich speziell in Dialogen öfter aus der Immersion gerissen haben. Hier muss dringend nachgebessert werden.
Disclaimer: Entwickler Deck Nine stand zuletzt im April 2024 im Fokus, als anonyme Anschuldigungen von mehreren Mitarbeiter*innen des Studios publik wurden. Inhaltlich geht es um Missmanagement, Crunch, sexuelle Belästigung und die Verbreitung von Nazi-Symbolen.
Einen ausführlichen Bericht zum Thema findet ihr unter diesem Link.
Generell merkt man Life is Strange Reunion an, dass oftmals (abseits der sehr guten Story) der leichte Weg mit der ein oder anderen Abkürzung gegangen wurde, wo eine Extrameile nötig gewesen wäre.
Max und Chloe sind als Duo jedoch so stark, dass am Ende bei mir das Gefühl überwiegt, ein tolles und vor allem emotionales Abenteuer erlebt zu haben und das ist es, was am Ende in Life is Strange für mich zählt.
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