"Was für eine GRÜTZE!". Sätze wie dieser sind mir in der Server Slam-Probephase von Marathon häufiger über die Lippen gekommen. Und ehrlich gesagt hätte ich nie damit gerechnet, dass sich der teilweise katastrophale Eindruck, den ich in meinen ersten Partien aus weiter unten genannten Gründen hatte, im Test zu irgendetwas annähernd gutem hätte drehen können.
Das Ding ist: es hat sich gedreht – und wie. Marathon ist dadurch zwar immer noch kein massenkompatibles Spiel, aber ein Shooter, für dessen Qualitäten es sich zu leiden lohnt. Wenn man denn den langen Atem dafür hat.
Hinweise zur Wertung
Ich habe in den vergangenen Tagen knapp 20 Stunden in der Xbox Series X-Version von Marathon verbracht. Das reicht für eine umfassende Einschätzung aus, allerdings sind für Ende März noch weitere wichtige Inhalte angekündigt, darunter eine vierte Map für das Endgame. Da dieser Content die finale Wertung noch beeinflussen kann, gebe ich aktuell nur eine Wertungstendenz, in deren Rahmen sich der finale Score sehr wahrscheinlich einpendeln wird.
Einfaches Prinzip, katastrophale Einführung
Marathon ist ein PvPvE-Extraction-Shooter, ähnlich wie das aktuell populäre Arc Raiders. Das Prinzip dieser Spiele ist ziemlich simpel. Ihr werdet allein, im Duo oder zu dritt auf einer von aktuell 3 Karten ausgesetzt, sammelt Loot, erledigt Aufträge, balgt euch mit menschlichen Spieler*innen und CPU-Feinden und haut dann an einem markierten Extraktionspunkt wieder ab.
In Marathon findet all das in ferner Zukunft auf einem Planeten namens Tau Ceti IV statt. Ihr seid ein sogenannter Runner – ein menschliches Bewusstsein in einer kybernetischen Hülle – der auf Geheiß unterschiedlicher Konzerne und Gruppen (etwa die KI-Firma CyberAcme oder die radikale Anarchistengruppe MIDA) eine verlassene Kolonie plündern und Kram rausholen bzw. Aufträge erledigen soll.
Unter anderem gilt es, CPU-Gegner zu erledigen, eine bestimmte Anzahl von Ressourcen zu besorgen oder Datenprotokolle herunterzuladen.
22:25
Marathon hat so viele Probleme - Und trotzdem hat es irgendwie was
So einfach wie das hier jetzt vielleicht klingen mag, macht es euch Marathon allerdings nicht. Im Gegenteil, die gesamte Einführung ins Spiel ist eine ziemliche Katastrophe und legt die Einstiegshürde damit sehr hoch. Es gibt zwar eine kurze Tutorial-Mission, die allerdings nur ganz Rudimentäres erklärt und wichtige Dinge – etwa die Unterschiede der einzelnen Runner-Klassen – ausspart.
Dazu kommen Menüs und ein User Interface, die mit zum unübersichtlichsten und unintuitivsten zählen, was ich jemals in Shootern gesehen habe. Es gibt etwa fitzelig kleine Symbole, die sich oft gleichen, obwohl sie unterschiedliche Eigenschaften haben.
Und auch die wirr angeordneten Menüpunkte, verschwindenden Auftrags-Markierungen und ein auch in der Konsolenversion steuerbarer, langsamer (!) Cursor haben mich anfangs fassungslos vor dem Bildschirm sitzen lassen. Denn gerade einem Shooter-Experten-Studio, wie es Bungie ja zweifelsohne ist (Halo, Destiny), sollten solche Fehler eigentlich nicht passieren.
Absolut kein Wohlfühl-Spiel
Das war es aber noch nicht. Denn ganz grundsätzlich ist Marathon kein angenehmes oder gar Wohlfühl-Spiel. Schon nach kurzer Zeit quillt euer Tresor beispielsweise vor gesammeltem Zeug über, da er viel zu klein ist.
Auf den Maps laufen und fliegen jede Menge knallharte KI-Bots herum, die euch zügig richtig große Probleme bereiten können. Außerdem gibt es andere Gefahren wie tödliche Käfer oder Giftpflanzen, die aus dem Boden sprießen und euch beim zu nahen Vorbeilaufen eine toxische Wolke entgegenschleudern.
Und wenn ihr dachtet, dass auf Tau Ceti IV Runner anderer Teams möglicherweise Bock auf einen freundlichen Plausch haben oder Items tauschen wollen – wie etwa in Arc Raiders – dann denkt besser schnell an was anderes. In Marathon wird nämlich erst geschossen und dann gefragt, der Bungie-Shooter hat mehr kompetitiven PvP-Charakter als andere Spiele des Genres.
All das führt in den ersten Stunden zu ziemlich schnellen Bildschirmtoden, jeder Menge verlorenem Loot und einer ganzen Menge Frust – zumindest war es bei mir so. "GRÜTZE!", ihr erinnert euch. Und ich bin mir sicher, dass viele in genau dieser Qual-Phase an Marathon abprallen werden – und nicht mehr wiederkommen.
Accessibility-Einstellungen
Marathon ist kein besonders einsteigerfreundliches Spiel, was sich auch an den quasi nicht vorhandenen Accessibility-Einstellungen ablesen lässt. Zwar ist es möglich, die hervorragende Steuerung vielfältig einzustellen und Tasten beliebig zu belegen, darüber hinaus gibt es allerdings lediglich einen vierstufigen Farbenblindheitsmodus. Insbesondere eine Vergrößerungsmöglichkeit für die sehr kleinen Beschreibungstexte und Untertitel wäre eine enorme Hilfe gewesen.
Klick-Moment nach zehn Stunden
Es lohnt sich aber, einen langen Atem zu haben. Denn nach einer Weile hat man sich mit den Menüs arrangiert und das Wichtigste verinnerlicht, weiß etwa, welchen Loot man priorisiert mitnehmen sollte und kann sich auch auf den Maps etwas besser orientieren.
Und auch mit den insgesamt sechs Runner-Klassen hat man sich dann warm gespielt und erkennt langsam deren Wichtigkeit für bestimmte Situationen bzw. Aufträge.
Der Destroyer ist etwa der klassische Tank, der Raketen verschießt und einen Schutzschild vor sich hält. Der Recon ist dagegen für die Aufklärung zuständig und markiert per Echo-Puls Feinde in der Umgebung und der Triage kann als Medic Teamkolleg*innen mit Heil-Bots aufpäppeln.
Marathon bietet keinen sicheren Tutorialbereich, um die Fähigkeiten der Klassen auszuprobieren, stattdessen muss all das "im Feld" gelernt werden – teils sehr schmerzhaft. Bei mir war dieser "Klick-Moment" nach etwa zehn Stunden erreicht und ab da fing Marathon dann an, richtig Spaß zu machen.
Das lag aber nicht nur an der abgeschlossenen "Lernphase", sondern auch an zwei anderen Punkten: Zum einen kommt dann nämlich der Upgrade-Loop der Fraktionen langsam ins Rollen. Erledigt ihr Aufträge für die unterschiedlichen Konzerne, steigt ihr in deren Gunst und könnt dann mit eingesammelter Kohle wichtige Ressourcen-Upgrades freischalten.
Und das motiviert enorm. Habe ich genug passende Ressourcen rausgeholt, kann ich unter anderem plötzlich meinen anfangs viel zu kleinen Tresor ausbauen, um mehr Kram zu bunkern, erhöhe das Loot-Tempo oder die Zeit, die es dauert, bis mein Anzug beim Sprint überhitzt.
Auch das WIE ist entscheidend
Der zweite entscheidende Punkt war, WIE ich Marathon gespielt habe. Während ich meine Solo-Einsätze als ziemlich frustrierend empfunden habe – unter anderem, weil sich gerade die komplexeren Aufträge der Fraktionen ziemlich zäh anfühlen können – wurde es mit einem festen Dreier-Team mit den GameStar-Kollegen Dimi und Phil deutlich effektiver und auch erfolgreicher.
Denn nicht nur können euch befreundete Runner in brenzligen Situationen aus der Patsche helfen, sondern auch bei euren aktuell ausgewählten Aufträgen.
Seid ihr also beispielsweise auf der Suche nach Stangen für den Auftrag des Traxus-Konzerns, können diese auch eure Kolleg*innen einsammeln – eine enorme Erleichterung. Daher mein Tipp: Spielt Marathon falls möglich unbedingt zu dritt und am besten mit Leuten, die ihr kennt!
Erbarmungslos und fordernd bleibt Marathon zwar auch zu dritt, unfair wird es aber nie. Dafür sorgen unter anderem die praktischen und kostenlosen Sponsor-Kits, die rudimentäre Loadouts mit einer Waffe, Munition und Heil-Items enthalten. Selbst wenn ihr also all euren Kram verlieren solltet, könnt ihr trotzdem ausreichend ausgestattet in den nächsten Run ziehen.
Technischer Eindruck
Während der Testphase lief Marathon auf meiner Xbox Series X ohne Probleme. Insbesondere die Framerate ist tadellos, nervige Drops habe ich zu keinem Zeitpunkt bemerkt. Allerdings sind mir ein paar nervige Bugs aufgefallen, beispielsweise klappte das Markieren von Zielen auf der Übersichtskarte zeitweise nicht.
Auch die Crossplay-Spielersuche klappte anstandlos. Marathon lässt Spieler*innen auf allen Plattformen miteinander zocken, auch der Fortschritt wird plattformübergreifend gespeichert.
Gunplay aus dem obersten Qualitätsregal
Dass Marathon ein sehr kompetent umgesetzter Shooter ist, merkt man allerdings schon vor dem angesprochenen "Klick-Moment".
Denn beim Gunplay beweist Bungie einmal mehr absolute Referenzqualitäten. Sämtliche Waffen – egal ob futuristische SMG, Maschinengewehr, Railgun oder Sniper Rifle – fühlen sich wuchtig an, haben satte Sounds und tolles Treffer-Feedback, was Abschüsse enorm befriedigend macht.
Gefechte in Marathon sind generell sehr intensiv, weil die Time to-Kill recht kurz ist, aber trotzdem ausreicht, um angemessen reagieren zu können und etwa schnell hinter Deckungen zu hechten.
Klasse ist auch, wie unterschiedlich sich die drei aktuell im Spiel vorhandenen Maps anfühlen. Während der Grenzbereich große Freiflächen zwischen klar definierten Hotspots hat, ist Düstermoor etwas verschachtelter und unübersichtlicher, und der Außenposten (in den ihr erst mit Spielerstufe 12 kommt) müsst ihr euch vor regelmäßigen tödlichen Feuerregen in Acht nehmen und Schutz suchen.
In das Layout der Karten ist eine ganze Menge Hirnschmalz geflossen, ich hätte mir speziell auf Grenzbereich allerdings noch mehr Abwechslung in den Innenräumen gewünscht, das sind nämlich meist ziemlich generische Labor- und Lagerkomplexe.
Und obwohl die Maps eine ordentliche Größe haben und sich natürlich durch die Spieler- und CPU-Aktivitäten immer wieder neue Dynamiken ergeben, habe ich mich nach 20 Stunden schon ziemlich an den drei Karten satt gespielt. Eine vierte Map wird zwar gegen Ende März nachgereicht, aber in diesem Bereich muss Bungie mittelfristig unbedingt für weiteren Nachschub sorgen.
Gewöhnungsbedürftiger Grafikstil, der im Gedächtnis bleibt
Marathon wird viele nicht nur mit seinem Einstieg abschrecken, sondern auch mit seinem Grafikstil. Der Extraction-Shooter setzt auf einen Mix aus steril wirkender Architektur mit klaren Linien, knalligen Farben und fast schon überzeichnet wirkenden Licht- und Videoeffekten (beispielsweise beim Einstieg in einen Run).
Ob man das hässlich oder hübsch findet, ist natürlich Geschmackssache, ich habe den Stil aber als erfrischend unkonventionell wahrgenommen, der sich spürbar von anderen SciFi-Shootern abhebt. Und damit vieles ist – aber ganz sicher keine Grütze.
Auf der nächsten Seite findet ihr die wichtigsten Pro- und Contra-Punkte in der Übersicht – und eine Wertungstendenz für den Extraction-Shooter.
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