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Pokémon: Die Entwicklung hätte GameFreak fast in den Ruin getrieben

Spiele, Anime, Kuscheltiere – Pokémon sind Popkultur! Angefangen hat die Reise der Taschenmonster in einem kleinen Vorort von Tokio, im Kopf eines jungen Hobby-Entomologen.

von Jonas Gössling,
24.12.2019 16:00 Uhr

Wir erzählen euch, wie Pokémon entstanden ist. Wir erzählen euch, wie Pokémon entstanden ist.

Die 70er-Jahre sind für den kleinen Satoshi Tajiri eine besondere Zeit. In Machida, einem Vorort der Metropole Tokio, wächst der Junge auf und verbringt die meiste Zeit draußen, auf Wiesen und in Wäldern. Das machen damals zwar viele Kinder (schließlich waren die Videospiele noch nicht erfunden), aber es sind seine Erlebnisse in der Natur, die eine der zugkräftigsten Marke aller Zeiten nach sich ziehen: Pokémon.

Denn dank Gras und Bäumen, wegen Insekten und der stetigen Ausbreitung des Stadtbezirks haben wir es heutzutage in so gut wie jedem Lebensbereich mit den kleinen Taschenmonstern zu tun. Doch wie genau hat alles angefangen, und was macht Pokémon so besonders?

Gestatten, Dr. Insekt!

Satoshi Tajiri geht in den 70ern nicht bloß einfach gerne in die Natur, er sammelt dort auch allerhand Insekten. Egal ob im Wald, auf Wiesen oder an stillen Gewässern: Der Knabe hat großen Spaß daran, die kleinen Tierchen mit Futter anzulocken und dann einzufangen. Danach fertigt er Bilder seiner Beute an und spielt, dass die Zeichnungen gegeneinander kämpfen.

Schon hier wird sehr deutlich, wohin diese Ansätze in Zukunft führen werden. Seine Freunde nennen Tajiri wegen seines Hobbies oft einfach nur "Dr. Insekt".

Es ist kein Zufall, dass wir in Pokémon die meiste Zeit in der Natur verbringen Es ist kein Zufall, dass wir in Pokémon die meiste Zeit in der Natur verbringen

Die Schule macht Tajiri hingegen nur wenig Freude, und auch den Beruf des Elektrikers will er trotz Drängen des Vaters nicht angehen. Zudem erleidet seine Faszination für die Natur einen Dämpfer, als die weiten Wiesen, Felder und Tümpel von Machida zugebaut werden und nur noch vereinzelte Parks übrig bleiben.

Dafür keimt dem Jungen zum ersten Mal eine konkrete Idee auf, aus der später Pokémon werden soll. Tajiri findet es nämlich bedauerlich, dass die zukünftigen Generationen wegen der fortschreitenden Urbanisierung nicht mehr dieselben positiven Erfahrungen in der Wildnis sammeln können wie er. Deswegen müsste es doch einen Weg geben, diese Erlebnisse auf andere Art und Weise weiterzugeben.

Von Game Freak zu Game Freak zu Pokémon

Als Teenager erwacht bei Tajiri die Liebe zu den damals noch recht neuen Videospielen. Er ist häufig an Arcade-Automaten zugange und schwänzt dafür so oft den Unterricht, dass er beinahe seinen Schulabschluss nicht schafft. Er nimmt zu Hause sogar sein Famicon (hierzulande als Nintendo Entertainment System erschienen) auseinander und gewinnt für eine Spielidee einen von Sega finanzierten Wettbewerb.

Den nächsten Höhepunkt seiner Videospiel-Karriere erreicht Tajiri 1982 mit der Gründung seines eigenen Spielemagazins Game Freak. Hier veröffentlicht er zusammen mit Freunden Tipps und Tricks für diverse Titel. Mit dabei in der Redaktion ist damals schon Ken Sugimori, der später für das komplette Design des Spiels samt allen Pokémon verantwortlich ist.

1989 machen die Freunde aus dem Magazin ein Entwicklerstudio (der Name bleibt aber derselbe). Die jungen Männer wollen der Branche zeigen, wie man richtig gute Spiele macht. Nach ein paar kleineren Erfolgen wie Mario & Yoshi inspiriert Nintendos Game Boy den ehrgeizigen Tajiri dazu, seine Kindheitsidee mit den kämpfenden Monstern in ein Videospiel zu gießen.

Der steinige Weg in den Westen

Als der Firmengründer 1991 das Linkkabel des Handhelds in die Finger bekommt, sieht er sofort seine Insekten durch die Verbindung von einem Game Boy zum anderen krabbeln. Das Tauschen der Monster und das Miteinander der Spieler ist dem Entwickler besonders wichtig, weswegen von Anfang an auch zwei leicht unterschiedliche Versionen desselben Spiels erscheinen.

Das Linkkabel sorgt für die Idee mit den zwei Editionen. Das Linkkabel sorgt für die Idee mit den zwei Editionen.

In beiden Editionen gibt es einige exklusive Tiere zum Sammeln, wer also die volle Menagerie haben will, muss zwangsweise mit anderen Spielern kommunizieren.

Allerdings ist die Entwicklung langwierig und treibt das junge Studio mehrmals an den Rand des Ruins. Tajiri kann öfter mal keine Gehälter bezahlen, fünf Mitarbeiter kündigen. Er selbst lebt von der Unterstützung seines Vaters.

Doch es klappt schließlich doch: Erst Anfang 1996 erscheint das Spiel in Japan als Pocket Monsters in den Editionen Grün und Rot. Der Erfolg ist so groß, dass noch im selben Jahr eine überarbeitete Fassung mit schickerer Optik und einem optimierten technischen Grundgerüst herauskommt, die Blaue Edition.

Weil eben der Programmcode der ursprünglichen Versionen nicht besonders gut geschrieben ist und vor allem Lokalisierungen schwer macht, ist es auch diese blaue Neuauflage, die als Schablone für die internationalen Versionen der Spiele herhält.

Aus Pocket Monsters wird die Abkürzung Pokémon, und die Reihe startet mit den Editionen Rot und Blau auch im Rest der Welt ihren Siegeszug. Und erhält mit der Gelben Edition ebenfalls eine kleine Neuauflage.

Tajiris Kindheit als Erfolgskonzept

Das Spiel schafft genau das, was Tajiri sich immer gewünscht hat: Es zeigt Kindern die Faszination der Natur, des Sammelns und des Wettbewerbs. Gleichzeitig sorgen die Linkkabel-Funktion und die unterschiedlichen Versionen für einen Effekt, der maßgeblich für den Erfolg mitverantwortlich sein dürfte.

Pokémon findet nicht nur auf dem Bildschirm statt, sondern auch in der echten Welt. Wer tatsächlich alle 151 Taschenmonster sammeln will, muss mit realen Menschen interagieren - das Internet steckte damals ohnehin noch in den Kinderschuhen.

Die drei Editionen werden auch hierzulande zu einem riesigen Erfolg. Die drei Editionen werden auch hierzulande zu einem riesigen Erfolg.

Auf dem Pausenhof, im Schwimmbad, oder auch einfach bei Freunden tauschen sich Kinder über Pokémon aus, kämpfen gegeneinander oder komplettieren ihre Sammlung. Tajiri hat mit dem Game Boy die perfekte Plattform für seine Idee gefunden.

Zumal die kleine Handheld-Konsole mit ihren technischen Limitationen unfreiwillig zur Beliebtheit des Titels beigetragen hat. Glitches und Tricks haben sich wie Lauffeuer unter Kindern verbreitet und sogar kleine Mythen sind so entstanden.

Vermutlich würde das Konzept heute - in Zeiten der digitalen Vernetzung - nicht mehr so einschlagen wie damals in den frühen 90er-Jahren. Doch Satoshi Tajiri war mit seiner Erfindung zur richtigen Zeit parat und hat so den Grundstein für eine der erfolgreichsten Spieleserien überhaupt gelegt. So erfolgreich, dass der 1965 geborene Designer noch heute an immer neuen Pokémon-Spielen arbeitet.


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