Pokémon Rot & Blau - Von wegen Evergreen! Die Klassiker sind schlecht gealtert

Die originale erste Generation von Pokémon feiert zwar Kultstatus, ist für Nasti heute spielerisch allerdings kaum mehr genießbar.

von Nastassja Scherling,
22.02.2018 16:00 Uhr

Manchmal muss man der bitteren Realität ins Auge blicken.Manchmal muss man der bitteren Realität ins Auge blicken.

Als Pokémon Rot und Blau in Deutschland herauskamen, haben sich Gameboy-Besitzer regelrecht die Finger nach den ersten Taschenmonster-RPGs geleckt. Kaum ein Titel für den Handheld konnte mit dem innovativen Spielprinzip und der großen, vielseitigen Welt der ersten Pokémon-Generation mithalten. Kein Wunder also, dass sich die Rote und Blaue Edition zu absoluten Klassikern gemausert haben und bei vielen Fans eine Art unanfechtbaren Kultstatus genießen.

Auch für mich war die originale erste Generation eine Zeit lang das Maß aller Dinge. Allerdings musste ich mir Jahre später und einige Videospiel-Erfahrungen reicher bei meinem x-ten Spieldurchlauf von Pokémon Rot eingestehen, dass meine nostalgischen Erinnerungen mich getrügt haben. Pokémon Rot und Blau sind ernüchternd schlecht gealtert.

Sprites aus der Hölle

Natürlich sollte es nicht verwundern, dass Spiele, die knapp 20 Jahre auf dem Buckel haben, nicht mit der Optik von modernen Titeln mithalten können. Die Pixel-Grafik von Rot und Blau ist allerdings noch nicht einmal das Problem, tatsächlich versprüht sie für mich einen wohligen Retro-Charme.

Was mir seit jeher grafische Alpträume beschert hat, sind die Sprites, mit denen manche Monster in Pokémon Rot und Blau daherkommen. Lasst einfach mal diese drei Beispiele auf euch wirken:

Machollo grinst uns zwar frech entgegen, macht aber den Anschein, als hätte es schon bessere Tage erlebt. Die Entwickler hielten es außerdem offenbar für unnötig, Tauboss einen Hals zu verpassen und von Kokoweis irren Psychopathen-Blicken will ich gar nicht erst anfangen.

Darstellungen wie diese waren mir bereits als Kind bei meinem ersten Spieldurchlauf in Pokémon Rot ein Dorn im Auge und rückblickend muss ich auch aus heutiger Sicht sagen, dass die erste Spiel-Generation einen Award für die hässlichsten Pokémon-Sprites verdient hätte.

Balance? Fehlanzeige!

Auch mit Lorbeeren für ein ausgeglichenes Kampfsystem können sich die Rote und Blaue Edition nicht gerade schmücken. Mehrere Aspekte stören das Kräftemessen mit anderen Trainern und Taschenmonster, zum Beispiel die unverhältnismäßige Stärke von Psycho-Pokémon. Es ist kein Geheimnis, dass Monster mit telekinetischen Fähigkeiten in den Original-Spielen vollkommen overpowered sind, was die zweite Generation dann mit dem neuen Unlicht-Typen ausgleicht.

Das liegt nicht zuletzt auch an dem ominösen "Spezial"-Statuswert. Weder Rot noch Blau unterscheiden zwischen Spezial-Angriff und Spezial-Verteidigung, was dazu führt, dass starke spezielle Angreifer wie Simsala und Gengar auch in der Defensive ungewöhnlich viel einstecken können.


Nastassja Scherling
@NastiPilz

Nastis erste Pokémon-Edition war die Gelbe. Noch heute hängt das Gameboy-Spiel eingerahmt in ihrer Wohnung und sie erzählt jedem stolz, dass sie darauf alle 151 Taschenmonster im Pokédex registriert hat. Jeden, der ihrem Schatz zu nahe kommt, kickt sich mit einem Himmelsfeger über den Haufen. Wenn sie ehrlich ist, will sie aber gar nicht zurück ins originale Kanto.

Außerdem lässt auch das Berechnungssystem von kritischen Treffern in der ersten Generation zu Wünschen übrig. In Rot und Blau basiert die Berechnung nämlich auf dem Initiative-Wert, sodass schnelle Monster viel häufiger "Crits" landen. Für alle, die es genau wissen wollen, folgt hier die Erklärung im Genauen.

Die reguläre Formel zur Berechnung von kritischen Treffern lautet in Rot und Blau wie folgt:

Basis-Initiative-Wert des Angreifers * 100 : 512 = Kritische Treffer-Chance

Setzt ein schnelles Monster wie Snobilikat (Basis-Init. von 115) zum Beispiel Kratzer ein, trifft es den Gegner mit einer Wahrscheinlichkeit von rund ¼ kritisch (115 * 100 : 512 = 22,5), das bedeutet, dass theoretisch jeder vierte Angriff ein Volltreffer ist. Attacken wie Schlitzer, die von Natur aus eine hohe Crit-Chance haben, werden nochmal anders berechnet und landen in der ersten Gen zu 99,6 Prozent einen kritischen Treffer. Von 1000 Snobilikat-Schlitzer richten 996 also besonders viel Schaden an.

Sein Init-Wert machte Snobilikat in der ersten Generation zu einem sehr starken Monster.Sein Init-Wert machte Snobilikat in der ersten Generation zu einem sehr starken Monster.

Nervige Kleinigkeiten

Über die Jahre haben uns Pokémon-Spiele mit allerlei Bequemlichkeiten verwöhnt. In der dritten Generation bekommen wir von Mama die Turbotreter geschenkt, mit denen wir auch ohne Fahrrad schnell durch die Spielwelt düsen können. Wir werden ab der fünften Generation nach dem Ende unseres Schutz-Einsatzes gefragt, ob wir uns direkt in die nächste Portion pokémonabweisenden Sprühfilm hüllen wollen. Wir sehen mittlerweile beim Einkaufen im Shop, wie viele Exemplare eines gewissen Items wir bereits im Beutel haben und kaufen dadurch nicht zu viel.

Nach dem erneuten Spielen der Roten Edition fehlt mir das alles jetzt. Auch wenn es auf den ersten Blick nur nach Kleinigkeiten aussieht - ich habe mich im Laufe meiner Karriere als Pokémon-Trainerin so sehr an diese Annehmlichkeiten gewöhnt, dass ich sie nicht mehr missen möchte. Umso nerviger ist es, auf einer Reise durch's originale Kanto auf die bequemen Seiten des Pokémon-Lebens verzichten zu müssen und wieder jedes Schutz-Item separat zu aktivieren.

In Pokémon Sonne & Mond wurden die ungeliebten VMs mit praktischen Reit-Pokémon ersetzt.In Pokémon Sonne & Mond wurden die ungeliebten VMs mit praktischen Reit-Pokémon ersetzt.

Pokémon-Spiele sind im Laufe der Jahre spielerisch immer komplexer geworden und mittlerweile habe ich mich so an das moderne Gameplay gewöhnt, dass ich nicht mehr zu den Originalen Rot und Blau zurückkehren will. Kanto genieße ich lieber den Remakes Feuerrot und Blattgrün.

Wie bewertet ihr Pokémon Rot & Blau aus heutiger Sicht?

Diese Kolumne ist Teil der Pokémon-Themenwoche auf GamePro. Alle weiteren Artikel findet ihr hier.


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