Resident Evil 7 - Auf der Suche nach dem realen Horror hinter dem Spiel

Die unheimliche Familie Baker, mit der wir uns in Resident Evil 7 herumschlagen müssen, blickt auf eine längere Geschichte zurück, als Fans womöglich vermuten: Über den Kultfilm The Texas Chainsaw Massacre führt die Spur zurück bis zu dem Serienmörder Ed Gein.

The Texas Chainsaw Massacre The Texas Chainsaw Massacre

"Welcome to the family, son" brummt ein Mann in der Dunkelheit, bevor er uns mit einem wuchtigen Hieb ins Gesicht bewusstlos schlägt. So endete die Demo von Resident Evil 7 - zumindest bis Capcom ein letztes Update veröffentlichte, das uns endlich die Flucht aus dem heruntergekommenen Haus ermöglichte.

Dank des Spürsinns der Fans und wenig später der Marketing-Walze Capcoms wissen wir mittlerweile, wer der unbekannte Mann ist, der in der Demo Fausthiebe austeilt und durch sein ständiges, unerwartetes Auftauchen den Puls unserer Spielfigur in die Höhe treibt: Sein Name ist Jack Baker, Ehemann von Marguerite Baker und Kopf einer Familie, die für ein morbides Foto am Essenstisch Platz genommen hat.

Resident Evil 7 Biohazard Resident Evil 7 Biohazard

Diese Montage wirkt wie ein direktes Bildzitat aus The TexasChainsaw Massacre, dem Kultfilm von Tobe Hooper — und das ist kein Zufall: Wie Nakanishi, Mitglied des Entwicklerteams von Resident Evil 7, in einem Interview mit IGN erklärte, habe eben dieser Film aus dem Jahr 1974 die vorherrschende Stimmung des Spiels stark beeinflusst. Und für ihr Horrorspiel hätte sich Nakanishi und seine Kollegen wohl kaum ein besseres Vorbild auswählen können.

The Texas Chainsaw Massacre The Texas Chainsaw Massacre

The Texas Chainsaw Massacre & die Liebe zum Detail

The Texas Chainsaw Massacre, oder zu deutsch "Das Blutgericht von Texas", debütierte 1975 auf dem London Film Festival und auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Der Regisseur Tobe Hooper erntete für seinen ersten Horrorfilm allerdings eher durchwachsene Reaktionen vom anwesenden Fachpublikum und hatte anschließend vor allem im europäischen Raum sehr mit den örtlichen Zensurbehörden zu kämpfen. Daher erschien der Film, der in Amerika trotz einiger herber Kritiken zum kommerziellen Hit avancierte, in Frankreich nach mehrfachem Verbot erst 1982, in Großbritannien sogar erst Ende der 1990er - Vorstellungen in London selbst ausgenommen.

""Hemmungslos sadistischer Horrorfilm mit nervtötendem Soundtrack, technisch wie inhaltlich gleichermaßen niveaulos." - Lexikon des internationalen Films"

Anders als es der Titel "The Texas Chainsaw Massacre" vermuten lassen würde, spitzt sich die Geschichte der fünf Teenager, die während ihres Südstaatentrips eine Panne haben und nach und nach in die Fänge eines maskierten Mörders und seiner Familie geraten, nicht zu einem actionreichen Massaker zu. Stattdessen etabliert sich relativ früh im Film eine enorm bedrohliche Grundstimmung, die von einzelnen, kurzen Höhepunkten gebrochen wird. Auch das Finale des Films ist vielmehr eine gezielte Reizüberflutung, eine ausgedehnte Panikattacke.

Trotz der vielen Ortswechsel im Film spielen sich die dramaturgischen Höhepunkte fast ausschließlich in geschlossenen Räumen ab und werden durch eine Vielzahl von Nahaufnahmen angekündigt, die verstörende Details des Zimmers, Flurs oder Kellers in den Vordergrund rücken. Vor allem herumliegende menschliche Gebeine, rostige, grobschlächtige Werkzeuge und getrocknetes Blut bestimmen die Bilder, die uns die Kamera schonungslos präsentiert.

The Texas Chainsaw Massacre zwingt uns im Finale nicht in ein blutreiches Massaker, sondern in die Beobachterrolle einer schwer zu ertragenden Panikattacke. The Texas Chainsaw Massacre zwingt uns im Finale nicht in ein blutreiches Massaker, sondern in die Beobachterrolle einer schwer zu ertragenden Panikattacke.

Mit dieser Kameraführung gibt der Film jedem Quadratzentimeter eine eigene, verstörende und verdrehte Vorgeschichte - ein Kniff, den Resident Evil 7 übernommen hat: Jede Ecke des Hauses der Familie Baker ist vollgestopft mit kleinen Details, Hinweisen und falschen Fährten, die auch der vom Spieler geführten Kamera lange Zeit standhalten, ohne direkt alle Geheimnisse zu verraten.

Der Serienmörder Ed Gein

Die Idee einer verrohten, isolierten Kleinfamilie mit kannibalischen Zügen als lauernde Bedrohung, die 40 Jahre später Capcoms Entwicklerteam inspirieren sollte, ist keine kreative Eigenleistung des Regisseurs. Hooper selbst nennt als direkte Inspiration für seinen Film Texas Chainsaw Massacre den Serienmörder Ed Gein, dessen Taten Mitte des 20. Jahrhunderts in Amerika für großes Aufsehen sorgten.

Edward Theodore "Ed" Gein alias "Der Schlächter von Plainfield" alias "Der verrückte Schlächter" ermordete in den 1940er und 1950er Jahren im US-Bundesstaat Wisconsin zwei Frauen, weidete ihre Körper vollständig aus und verteilte die Gebeine in seinem Familienhaus, in dem er nach dem Tod seiner Brüder und Mutter alleine lebte. Außerdem gab er nach seiner Verhaftung 1957 zu, im selben Zeitraum mehrfach örtliche Friedhöfe besucht, dort Gräber geleert und die Leichen mit nach Hause genommen zu haben. Dort konservierte er einige der Körper, gerbte die Haut und stellte aus ihren Gliedmaßen verschiedene Gebrauchsgegenstände her.

Einige Gegenstände, darunter eine Maske, die bei der Durchsuchung von Ed Geins Haus von der Polizei sichergestellt wurden. Einige Gegenstände, darunter eine Maske, die bei der Durchsuchung von Ed Geins Haus von der Polizei sichergestellt wurden.

Zwischen dem Chaos aus menschlichen Gebeinen entdeckte die Polizei bei der Durchsuchung des Familienhauses zahlreiche Masken und ein Korsett, die allesamt aus der Haut getöteter Frauen gefertigt waren.

Ed Gein wurde 1968 verurteilt und als "geistig Gestörter" in das Mendota Mental Health Institute überwiesen, in dessen Obhut er schließlich 1984 im Alter von 77 Jahren starb. Er wurde in direkter Nähe zu seiner Familie in einem mittlerweile nicht mehr markierten Grab beerdigt, nachdem sein Grabstein mehrfach beschädigt und vorübergehend entwendet wurde.

Das Erbe des Schlächters von Plainfield

Doch Ed Gein ist kein Monster oder wildes Tier gewesen, das in der Isolation von Wisconsin plötzlich auftauchte, über die Menschen herfiel und schließlich eingesperrt werden konnte. Hinter dem "Schlächter von Plainsfield" steht ein Mann, der unter dem Einfluss eines alkoholkranken Vaters und einer streng lutheranisch gläubigen Mutter aufwuchs, die ihren Kindern jeden Tag aus dem alten Testament vorlas und jeden Kontakt mit der Außenwelt verbot - von der Schule abgesehen.

Seine Erziehung brachte Ed Gein bei, dass Liebe, Sex, Alkohol und körperliche Nähe Sünden sind. Schulkameraden berichteten von seltsamen Angewohnheiten des sonst stillen Gein, der scheinbar ohne Grund immer wieder in spontane Lachanfälle verfiel. Seine Mutter bestrafte ihn, wenn er versuchte, Freundschaften zu schließen.

Edward Theodore Gein (1958) Edward Theodore Gein (1958)

Es ist bis heute schwer nachvollziehen, wann genau Ed Gein den Wendepunkt seines Lebens erreichte und erstmals gewalttätig gegenüber seinem Umfeld wurde. Ein vielfach genannter Zeitpunkt ist ein Flächenbrand in der Nähe seiner heimischen Farm, in der sein Bruder umkam - allerdings nicht durch Brandverletzungen, sondern durch ein schweres Schädeltrauma.

Ob Gein nun für diesen Todesfall verantwortlich war oder nicht, kurz darauf vollzog er mit seinem Leben eine Wandlung, schlich sich erstmals auf einen der örtlichen Friedhöfe und entwendete mehrere Leichen aus ihren Gräbern.

Die Geschichte des Schlächters von Plainfield erzählt von schrecklichen Taten, die von einem geistig misshandelten Menschen begangen wurden. Dadurch verfügt sie über dieselbe unheimliche Faszination, die viele Geschichten von Serienkiller auszustrahlen scheinen. Ihre Strahlkraft inspirierte 20 Jahre nach Geins Verhaftung den Regisseur Tobe Hooper zu dem Film The Texas Chainsaw Massacre, der die Geschichte des Serienmörders fortbestehen und in die Popkultur übergehen ließ.

Die Oscala Star Banner vom 31. März 1958 berichtet von Menschenmengen, die nach der Festnahme von Gein auf dessen Farm stürmen und dort alle möglichen Gegenstände ersteigern — vom Stuhl bis zum Auto des Serienmörders. Die Oscala Star Banner vom 31. März 1958 berichtet von Menschenmengen, die nach der Festnahme von Gein auf dessen Farm stürmen und dort alle möglichen Gegenstände ersteigern — vom Stuhl bis zum Auto des Serienmörders.

Wiederum 40 Jahre nach dem Kinofilm setzt sich Capcom an den gedeckten Tisch, um ihre ganz eigene Version von Ed Geins Geschichte zu erzählen. Wir sind nun dazu eingeladen, auf dem noch freien Stuhl Platz zu nehmen und zwischen den vielen neuen Ideen, Charakteren und Erzählsträngen der Entwickler das Gesicht von Ed Gein suchen, das unvermeidlich in den dunkelsten Ecken des Hauses hin und wieder aufblitzen wird.

"Welcome to the family."

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