Steelrising im Test: Französisch, aber nicht revolutionär

Nach Thymesia will sich jetzt Steelrising vom französischen Greedfall-Entwickler Spiders im derzeit so beliebten Soulslike-Genre beweisen. Dabei herausgekommen ist ein Highlight-armes Spiel, das jedoch euren Seelendurst nach dem kargen Release-Sommer stillen könnte.

Samara, Chris und Dennis haben Steelrising für euch unter die Lupe genommen. Samara, Chris und Dennis haben Steelrising für euch unter die Lupe genommen.

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Der Hunger nach frischer Actionkost ist aktuell besonders groß und was schmeckt da besser als ein leckeres Soulslike-Filet aus französischer Küche? Ein solches will uns Entwicklerstudio Spiders, das ihr vielleicht von seinen Spielen Bound by Flame, The Technomancer oder zuletzt Greedfall kennt, nämlich für PS5 und Xbox Series X/S (und PC) zum Preis von 60 Euro kredenzen. 

Um es positiv zu formulieren: Dürstet es euch aktuell nach mehr Souls oder einem netten Zeitvertreib bis zum nächsten Kracher, dann haben wir eine gute Nachricht für euch. Auch haben wir eine gute Nachricht für alle, denen die knackigen Third-Person-Action-RPGs bislang immer zu schwer waren. Doch ihr merkt schon, so richtig begeistert sind eure SoulsPros nicht. Steelrising ist nämlich alles, nur keine qualitativ hochwertige Feinkost, sondern vielmehr ein solides Industrie-Croissant vom Discounter um die Ecke.

Die Story: (K)eine französische Revolution

Steelrising schickt uns zurück ins Paris des 18. Jahrhunderts und wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, dem sind die Namen Marie-Antoinette oder auch Maximilien de Robespierre als tragische Schlüsselfiguren der Französischen Revolution ein Begriff. Spiders präsentiert hier eine durchaus interessante alternative Realität, in der Maschinen die Kontrolle über die Hauptstadt erlangt haben und wir in der Rolle von Roboter-Leibwache Aegis einen Verrat am königlichen Hof aufklären sollen. 

Im Gegensatz zu manch anderem Genrevertreter wird die Geschichte gut verständlich mittels längerer Cutscenes erzählt, Hintergründe zur Spielwelt werden in auffindbaren Briefen erklärt. Allerdings so dröge, altbacken präsentiert und mit blassen (Haupt-)Figuren garniert, dass sie uns über die Dauer von 18 bis 20 Stunden keinen wirklich Mehrwert geboten hat. Gerade nach Greedfall, das uns vor allem mit interessanten NPCs und spannenden Wendungen überzeugt hat, haben wir hier deutlich mehr erwartet.

Technische Einschätzung:

Grafisch weiß Steelrising durchaus zu gefallen - das nächtliche, vom revolutionären Umbruch verwüstete Paris wurde gut eingefangen, die Modelle der Roboter-Gegner sind mit all ihren Verzierungen klasse gelungen. Dass der Titel aber nur für die neue Konsolengeneration veröffentlicht wurde, macht uns ganz schön stutzig. Das Niveau eines vollwertigen PS5- oder auch Xbox Series X-Spiels erreicht Steelrising bei weitem nicht, einige Aspekte, darunter die in Zwischensequenzen völlig ausdruckslosen Animationen, erinnerten uns sogar eher an die PS3- beziehungsweise Xbox 360-Ära.

Performance und Auflösung – In Steelrising könnt ihr zwischen drei verschiedenen Bildmodi wählen, von denen leider nur „Bildwiederholrate bevorzugen“ angenehm flüssiges Gameplay in 60 fps garantiert. Dafür müsst ihr in dem Modus mit einer niedrigen Auflösung von 1080p, also einer unscharfen Bildausgabe rechnen. „Auflösung bevorzugen“ kommt nach unseren Messungen in etwa auf 1800p bei konstanten 30 fps, grafische Unterschiede abseits der höheren Bildschärfe gibt es nicht.

Unter dem Punkt „Grafikqualität bevorzugen“ versteckt sich eine weitere Option, die mit 1440p und stabilen 30 fps läuft, aber noch ein paar kleinere Verbesserungen mitbringt. Darunter ein leicht stimmigeres Beleuchtungssystem, geringfügig detailliertere Vegetation, weichere Schatten und eine höhere Render-Distanz. Insgesamt betrachtet sind wir aber auch in diesem Modus von der schwachen Performance enttäuscht, grafisch bietet das Spiel dafür zu wenig. 

Hinzu kommen noch einige Grafik-Bugs, wie in Zwischensequenzen schwebende Charaktere und starkes Haarflimmern, die einen unfertigen Eindruck hinterlassen. Auch hatten wir teils Probleme mit aktiviertem HDR, das entweder ein zu dunkles Bild bot, wodurch wir wichtige Durchgänge verpassten, oder eigentlich dunkle Inhalte zu hell dargestellt wurden, sodass sich beispielsweise sammelbare Notizen kaum noch lesen ließen.  

Im Großen und Ganzen handelt es sich aber mehr um teils nervige Schönheitsfehler, am Spielfortschritt selbst wurden wir nie gehindert.

Das Gameplay: Durchaus solide Souls-Kost 

Doch weit wichtiger sind uns in einem Soulslike die Kämpfe und auch wenn Steelrising hier nicht in der ersten Liga mitspielt, hatten wir mit den Scharmützeln durchaus unseren Spaß. 

Spiders erfinden hier das Rad wahrlich nicht neu, sondern geben uns vielmehr die bekannten Tools aus Spielen wie Dark Souls oder Bloodborne an die Hand: Das Spiel mit der Ausdauer, die wir ähnlich Nioh durch einen Tastendruck im rechten Moment zurückgewinnen können – das Timing ist hier übrigens deutlich verzeihender als im Vorbild. Die Möglichkeit, Angriffe zu parieren, mit einer Rolle auszuweichen oder nichts ahnende Gegner von hinten ordentlich zu beschädigen. All das geschieht mit einer recht kleinen, aber durchaus spaßigen und abwechslungsreichen Auswahl an mechanischen Waffen. 

Gekämpft wird ausschließlich gegen Maschinen. Insgesamt sind die Scharmützel solide Souls-Kost. Gekämpft wird ausschließlich gegen Maschinen. Insgesamt sind die Scharmützel solide Souls-Kost.

Wer Lust auf mehr Agilität im Kampf hat, schnappt sich direkt zu Spielbeginn zwei Frostdolche und beharkt mit leichten Angriffen seine Gegner, friert sie ein, um dann in Ruhe zum starken Sprungangriff auszuholen. Wer hingegen auf Stärke setzt, greift beispielsweise zum feurigen Salvenschlägel und verarbeitet die feindlichen Blecheimer wuchtig zu Altmetall. Schusswaffen und Fähigkeiten gibt es auch, sie sind jedoch durch eine Art Munition limitiert, die Feinde nach dem Ableben hinterlassen. Versteht Steelrising also mehr als Nahkampfspiel mit gelegentlichem Fernkampf.  

Unsere allesamt mechanischen Widersacher sind uns ebenfalls positiv in Erinnerung geblieben, hier haben sich die Entwickler nämlich vom Trötengaukler bis hin zum hammerschwingenden Riesenroboter richtig coole und detailverliebte Designs überlegt. Schade ist nur, dass sich die Kämpfe auch gegen unterschiedliche Gegnertypen sehr gleichförmig anfühlen und Genre-Fans kaum fordern werden. 

"Paris sehen und sterben" oder eher "Französisch für Anfänger"?

An dieser Stelle müssen wir nämlich ein paar Worte über den Schwierigkeitsgrad von Steelrising verlieren, den viele von euch je nach Spielertyp sehr unterschiedlich auffassen und werten dürften. 

Zunächst sei positiv erwähnt, dass ihr Steelrising alternativ in einem Assistant-Modus spielen könnt. Hier stellt ihr auf einer Skala von 0 bis 100 ein, wie viel Schaden Gegner austeilen. Ihr könnt deaktivieren, dass ihr eure “Seelen” nach dem Ableben verliert, und auch regulieren, wie schnell sich die Ausdauer von Aegis regeneriert. Im Endeffekt justiert ihr so den Grad eurer Herausforderung, was für ein Soulslike ein Novum darstellt.

Kommen wir vom Positiven zu einem Punkt, der Veteranen im Genre mehr abschrecken könnte. Steelrising wird euch vor keine Herausforderung stellen, wie ihr sie aus Spielen von FromSoftware, Team Ninja oder Deck 13 mit The Surge kennt. Das hat zwei Gründe.

Kaum fordernde Bosskämpfe

Haben wir uns zuletzt in Thymesia noch stundenlang mit manch Boss duelliert, lag hier bei den insgesamt acht Brocken spätestens im dritten Versuch der Sieg auf unserer Seite. Weder sind die Bosse sonderlich spektakulär inszeniert, noch sind ihre meist langsamen und vorhersehbaren Angriffe besonders fordernd. Einzig der Fakt, dass wir hier ”Bullet-Sponges” vorgesetzt bekommen, dürfte den ein oder anderen in Flüchtigkeitsfehler treiben.

Den Bossen mangelt es deutlich an Abwechslung. Hier wird bestenfalls Durchschnittskost geboten. Den Bossen mangelt es deutlich an Abwechslung. Hier wird bestenfalls Durchschnittskost geboten.

Offensiv- und Heilitems im Überfluss

Zudem könnt ihr euch das Spiel durch den Kauf von Items wie Sprengbomben oder Heilungstränken immens erleichtern. Die Gegenstände kauft ihr in einer Boutique an den üppig und fair platzierten Rücksetzpunkten, an denen ihr klassische Werte wie Stärke oder Ausdauer auflevelt.

So wird jeder Kampf zum Kinderspiel: 25 Sprenggranaten für einen schmalen Taler gekauft, rein in den Bosskampf, Viereck spammen, fertig. Das ist hier übrigens keine Übertreibung. Im Endeffekt könnt ihr all eure Seelen nur für Bomben ausgeben, bis zum Boss durchrennen und stets in 15 Sekunden fertig sein. Das klappt deswegen so gut, da Items in Mengen von über 100 Stück an allen Rücksetzpunkten angeboten werden, und es so im Endeffekt keine echte Limitierung gibt. 

Natürlich müsst ihr euch das Spiel nicht auf diese Weise erleichtern, aber für Genre-Neulinge gibt es so stets einen einfachen Ausweg. Wir hätten uns jedoch zumindest abseits der Wege ein wenig mehr der gewohnten Knackigkeit eines Soulslikes gewünscht. An dieser Stelle sei übrigens erwähnt, dass Steelrising auch kein New Game Plus samt stärkeren Gegnern bietet. Auch lässt euch das Spiel nach dem Abspann nicht mehr zurück in die Welt, was uns stark irritiert hat. 

Die Spielwelt: Atmosphärisch mit guten Ansätzen

Abschließend wollen wir noch ein paar Worte über Paris als Dreh- und Angelpunkt von Steelrising verlieren. Wie im Technikabschnitt oben erwähnt, ist das nächtliche Paris durchaus unverbraucht, stimmig und atmosphärisch in Szene gesetzt.

Der große Knackpunkt liegt vielmehr an den Leveln selbst, in denen wir genretypisch Abkürzungen freischalten, die aber insgesamt deutlich (!) zu gleichförmig und bis zur Hälfte des Spiels auch deutlich (!) zu lang sind.

Audio und Soundtrack: Steelrising bietet lediglich eine englische Synchro mit wahlweise deutschen Untertiteln. Zumindest Französisch als Alternative hätte der Stimmung gutgetan. 

Frohe Kunde gibt es hingegen beim Soundtrack, der uns nicht nur während der Bosskämpfe voll und ganz überzeugt hat. 

Abseits zweier recht kurzer Ausnahmen laufen wir stets durch heruntergekommene, enge Gassen, vorbei an kleinen Gärten und besuchen das ein oder andere pompöse Gebäude der französischen Metropole. Hier kämpfen wir schematisch alle 50 Meter gegen einen oder mehrere Gegner (die zudem sehr oft in leicht abgewandelten Formen recycelt werden), kommen an einem Zwischenboss vorbei und stehen dann vor dem Level-Endgegner. Steelrising hätte nicht nur mehr Abwechslung gutgetan, sondern es wäre auch sinnig gewesen, die Areale deutlich zu straffen. 

Apropos Areale: Von den Bossen bekommen wir neue Spezialfähigkeiten wie einen Greifhaken, einen Dash oder einen starken Sprungangriff, die wir entweder offensiv in den Kämpfen einsetzen, oder in den Leveln selbst nutzen, um neue Abschnitte beispielsweise durch das Einreißen einer Mauer freizuschalten. Dieser Metroidvania-Ansatz ist im Kern eine durchaus gute Idee und lädt zur Erkundung der Spielwelt nach Belohnungen wie neuen Rüstungen oder Waffen ein. Insbesondere durch den Einsatz des Greifhakens und durch die Sprungfunktion von Aegis kommt so eine Prise Vertikalität ins Spiel.

Mit dem Greifhaken ziehen wir uns an festgelegten Stellen hoch, wodurch der Ansatz von Vertikalität ins Spiel kommt. Mit dem Greifhaken ziehen wir uns an festgelegten Stellen hoch, wodurch der Ansatz von Vertikalität ins Spiel kommt.

Doch auch hier folgt ein großes “Aber”. Uns mit Aegis frei über die Dächer zu schwingen, geht nicht. Vielmehr finden wir an bestimmten Stellen Markierungen, an denen wir uns hochziehen können, um durch Häuser in eine weitere Gasse zu gelangen oder auf einem nahen Balkon ein Item abzustauben.

Jedoch wirkt diese Art der Vertikalität nicht zu Ende gedacht oder durch einen Mangel an Budget limitiert, gerade wenn wir über scheinbar niedrige Hindernisse springen wollen, jedoch an der künstlichen Levelbegrenzung hängenbleiben. Auch werden die neuen Gadgets oft nur genutzt, um weiter der Story zu folgen. 

Steelrising als Lückenfüller

Wer es bis zu diesem Part des Tests geschafft hat, wird sicher festgestellt haben, dass wir viel zu kritisieren haben. Das liegt vor allem daran, dass Steelrising, sei es bei der Story, dem Gameplay oder auch der Spielwelt, zwar mit guten Ansätzen daherkommt, allerdings in keinem Bereich brilliert. Es fehlt an Highlights, wie beispielsweise bei Thymesia, das mit seinem tollen Kampfsystem aus der Masse der Soulslikes hervorsticht. 

Sucht ihr ein eher seichtes Action-RPG mit teils stimmigen Kulissen und einer zugänglichen Geschichte, dann werdet ihr aus dem Spiel sicher eure Spaßmomente ziehen. Auch für Souls-Fans ist Steelrising kein Spiel, von dem wir euch dringend abraten würden, da es gravierende Mängel hat. Es ist eben vielmehr das typische Spiel, das man ohne große Erwartungen im Sale mitnimmt und in einer Highlight-armen Zeit vor sich hin spielt. Oder eben das Industrie-Croissant vom Discounter, das so manchen Heißhunger stillt.     

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