The Last of Us 2: Joel ist ein schlechter Vater, aber Ellie macht's nicht besser

In ihrem Report erklärt Gastautorin Nina Kiel, warum sich Ellie in The Last of Us Part 2 nicht von ihrem Ziehvater Joel emanzipieren kann und selbst seine problematischen Aspekte verkörpert.

von Nina Kiel,
07.09.2020 14:01 Uhr

Ellie kann in The Last of Us 2 nicht aus dem Schatten ihres Ziehvaters Joel treten. Ellie kann in The Last of Us 2 nicht aus dem Schatten ihres Ziehvaters Joel treten.

Achtung, dieser Artikel enthält Story-Spoiler zu The Last of Us und The Last of Us 2.

Als The Last of Us 2013 erschien, musste Naughty Dog noch darum ringen, Ellie auf dem Cover des Spiels abbilden zu dürfen - nun schmückt allein ihr blutverschmiertes Gesicht das Titelbild des Nachfolgers. Ein Zeichen nicht nur für einen Strukturwandel in der Industrie, sondern auch dafür, dass sich die junge Frau von ihrem Ziehvater Joel emanzipiert hat? Leider nein.

Dem vor wenigen Monaten erschienenen zweiten Teil wurden hohe Erwartungen entgegengebracht: Nicht nur wegen der hohen Qualität des Erstlings und seiner Bedeutung für die Entwicklung des Mediums, sondern auch wegen seines Bruchs mit tradierten Geschlechterrollen. Frauen bekleideten in dem apokalyptischen Setting ganz selbstverständlich leitende Positionen, traten als Soldatinnen wie Widerstandskämpferinnen auf, und Männer wurden auch von ihrer verletzlichen Seite gezeigt - allen voran Schmuggler Joel, der sich nach dem Tod seiner leiblichen Tochter emotional abschottete, ziellos vor sich hinlebte und erst wieder Hoffnung schöpfte, als er die 14-jährige Ellie kennen- und lieben lernte.

Das erste The Last of Us erzählt die Geschichte eines Vaters und tut viel dafür, dass Spieler*innen Sympathie zu Joel aufbauen. Das erste The Last of Us erzählt die Geschichte eines Vaters und tut viel dafür, dass Spieler*innen Sympathie zu Joel aufbauen.

Durch die im Laufe der Geschichte immer stärkere Bindung zwischen den beiden Hauptfiguren avancierte The Last of Us zum prototypischen "Dad Game" und begründete einen Trend mit, der die Vater-Kind-Beziehung ins Zentrum zahlreicher Spiele rückte, zuletzt etwa im 2018 veröffentlichten God of War.

In The Last of Us 2 jedoch findet das Leben der Vaterfigur in den ersten Stunden ein jähes, brutales Ende und das Spiel reicht den blutigen Staffelstab an die Tochter weiter - oder vielmehr an die Töchter, denn auch die Geschichte von Abby, der zweiten Protagonistin, dreht sich zunächst um den Tod ihres Vaters.

Teil 2 wurde daher zuletzt, analog zum Vorgänger, wiederholt als "Daughter Game" bezeichnet und tatsächlich handelt es sich um eine sehr treffende Bezeichnung, aber sie verweist nicht auf eine stärkere, unabhängigere Rolle Ellies, sondern vielmehr auf das Gegenteil.

Blinde Wut

Bizarrerweise ist es ausgerechnet der Tod Joels, der ihn nun ins Zentrum der Geschichte rückt und Ellie, ihre bis dato komplexe Persönlichkeit, Motivationen und Gefühle an den Rand des Geschehens drängt. Nachdem sie miterleben muss, wie ihr Ziehvater von der Soldatin Abby umgebracht wird, lässt sie wieder und wieder alles stehen und liegen, um ihn zu rächen. Ihre persönlichen Bedürfnisse treten in den Hintergrund, selbst auf Schlaf und Nahrung verzichtet sie wiederholt zugunsten einer neuen Fährte und der Hoffnung, nein Obsession, endlich Gleiches mit Gleichem vergelten zu dürfen.

Was Ellie auch tut, sie tut es für Joel. Was Ellie auch tut, sie tut es für Joel.

Warum sie sich so wahnhaft in ihre Rachlust hineinsteigert, wird indes nicht erklärt. Zwar bietet das Spiel einige Anknüpfungspunkte für Interpretationen, selbst aber keine plausiblen Begründungen. Dass Ellie einen (von ihr selbst wie auch den Fans des ersten Teils) geliebten Menschen verloren hat, muss als Motivation genügen, um über gut die Hälfte der 25 Spielstunden hinweg in blinder Wut zu töten.

Doch diese Erklärung greift aus gleich mehreren Gründen zu kurz, und ein Grund ist ausgerechnet das vielfach gelobte Vater-Tochter-Verhältnis zwischen ihr und Joel.

Das nämlich präsentiert sich nicht erst in der Fortsetzung als angespannt, sondern bereits zum Ende des ersten Spiels, nachdem Joel sich der Entwicklung eines Impfstoffs gegen den weltweit grassierende Cordyceps-Fungus brutal entgegenstellt, um Ellies Leben zu retten, sie so aber ihrer Handlungsfähigkeit beraubt.

Es war Ellies Wunsch, dass die Fireflies mit ihrer Hilfe einen Impfstoff herstellen. Doch dieser Wunsch wurde ihr von Joel genommen. Es war Ellies Wunsch, dass die Fireflies mit ihrer Hilfe einen Impfstoff herstellen. Doch dieser Wunsch wurde ihr von Joel genommen.

Spätestens hier wird deutlich, dass Joels Liebe zu Ellie eine egoistische ist: Er entreißt sie den Ärzt*innen - und damit auch Abbys Vater - nicht ihret-, sondern seinetwegen; weil der Verlust einer weiteren Tochter zu schmerzvoll wäre und Ellie zum Zentrum seines Lebens geworden ist.

Dieser Egoismus kommt wiederholt in scheinbar liebevollen, aber leeren Gesten zum Ausdruck, mit denen Joel Ellies Zuneigung zurückgewinnen versucht, während er eine Auseinandersetzung mit ihren Traumata und der eigenen Beteiligung daran konsequent verweigert, sie sogar anlügt, um sich aus der Affäre zu ziehen - wohl wissend, dass diese Lügen ihr Leid noch verstärken.

Joel ist kein guter Mensch und erst recht kein guter Vater, und Ellie weiß das. Dennoch versucht das Spiel konsequent, ihn über Aussagen anderer Figuren, Rückblenden und kleine Details als sorgenden, liebevollen Vormund zu inszenieren, um so Ellie und letztlich auch uns eine Motivation für den blutigen, elaborierten Rachefeldzug zu bieten.

Wie der Vater, so die Tochter

Die Geschichte ignoriert dabei geflissentlich Ellies andere prägende Beziehungen, von denen einige bedeutsamer gewesen sein müssten als jene zu Joel, schließlich waren die beiden in Teil 1 nur einige Monate lang gemeinsam unterwegs und haben sich danach zunehmend voneinander entfremdet.

Sogar ihre eigene Familie lässt Ellie wegen Joel im Stich. Sogar ihre eigene Familie lässt Ellie wegen Joel im Stich.

Dennoch: Keine Bindung erscheint The Last of Us 2 so wichtig und einflussreich wie die zwischen Vater und Tochter - weder Freundschaft, noch Partnerschaft, noch das innige Verhältnis von Müttern zu ihren Kindern. Nicht nur spielen weibliche Elternteile im Spiel generell eine untergeordnete Rolle, Ellie opfert schließlich sogar ihr eigenes Familienleben für Joel und das wahnhafte Streben nach Rache. The Last of Us 2 macht trotz aller anderslautenden Indizien den Fehler, zu glauben, dass Ellie zwangsläufig auch Joel als Zentrum ihres Lebens gesehen haben muss, nur weil sie seines war.

Als logische und problematische Konsequenz dieser Denkweise folgt, Ellie als Joels Nachfolgerin darzustellen, erzählerisch wie auch spielmechanisch.

Sie schießt, schlägt und schnetzelt sich durch Horden von Gegnern, von denen die meisten unbeteiligte Dritte sind, Gewalt ist ihre Lösung für fast alle Probleme - jene Lösung, die ihr Ziehvater stets wählte. Angesichts des harten Bruchs mit ihrer Charakterzeichnung im ersten Teil und dem 2014 veröffentlichten DLC Left Behind drängt sich die Vermutung auf, dass diese Neuorientierung der Figur wenn nicht ausschließlich, doch zumindest teilweise den banalen Anforderungen der Spieleproduktion geschuldet war.

Der Fluch der Fortsetzung

Ellies Charakterisierung wird der Spielmechanik von The Last of Us 2 untergeordnet. Ellies Charakterisierung wird der Spielmechanik von The Last of Us 2 untergeordnet.

Denn The Last of Us 2 ist die Fortsetzung eines extrem populären, kommerziell erfolgreichen Spiels und muss notgedrungen daran anknüpfen. Gewalt stand als Interaktionsform im Mittelpunkt des Erstlings, also tut sie es nun wieder. Dass das Ausmaß dieser Gewalt zum Teil banale, praktische Gründe hat, räumt Director Neil Druckmann in einem BBC-Interview sogar offen ein:

"Ich denke, wenn wir diese Geschichte in einem anderen Medium erzählen würden, dann wäre der Body-Count nicht so hoch. Er muss im Spiel aber so hoch ausfallen, weil wir euch die Gameplay-Mechaniken antrainieren müssen [...]. Ellie könnte es nicht mit so vielen Menschen auf einmal aufnehmen, das wissen wir. Aber wir streben nach einer gewissen Art von Adrenalin und Spannung."

Während allerdings das Gameplay im Erstling Joel als Figur regelrecht auf den Leib geschnitten war, kollidiert es mit Ellies bisheriger Charakterdarstellung: Im Gegensatz zu ihrem Ersatzvater war die junge Frau nie emotional verhärtet, sondern trotz ihres leidgeplagten Lebens dazu fähig, auch dessen schöne Seiten zu erkennen, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und Brutalität nur dann walten zu lassen, wenn es sich (vermeintlich oder tatsächlich) nicht vermeiden ließ.

Ellie bricht zusammen, wenn sie merkt, dass Mel schwanger war. Doch das passt nicht zum Gameplay. Ellie bricht zusammen, wenn sie merkt, dass Mel schwanger war. Doch das passt nicht zum Gameplay.

Gelegentlich scheinen diese Züge auch im zweiten Teil durch - etwa als Ellie realisiert, eine andere werdende Mutter umgebracht zu haben, und in Tränen ausbricht. Doch über weite Strecken des Spiels hinweg tötet sie nicht nur ohne Skrupel, sondern gar mit offener Verachtung. Hierdurch ergibt sich eine ludonarrative Dissonanz, die frappierend an das 2013 erschienene Tomb Raider-Reboot erinnert, in dem eine noch junge Lara Croft sich nach der traumatischen Erfahrung ihres ersten Mordes ohne mit der Wimper zu zucken mit einem überdimensionierten Waffenarsenal durch die gesamte Einwohnerschaft einer Insel mähte... so lange, bis wieder die nächste Zwischensequenz fällig war, in der ihre Persönlichkeitsentwicklung und sanfte Seite zutage treten durften.

So eklatant fallen die Brüche in The Last of Us 2 nicht aus, sie tun es allerdings auch deshalb nicht, weil Ellie so wenig Raum zur Entfaltung von Persönlichkeitsmerkmalen und Beziehungen gegeben wird, die nichts mit Joel zu tun haben.

Toxische Maskulinität im neuen Gewand

Anders, als das Cover es nahelegt, kommen wir Ellie und ihrer Gefühlswelt im neuen Teil also nicht näher, sondern entfernen uns wieder von ihr. Dazu trägt auch ein zentrales Anliegen des Spiels bei, dass die nun 19-Jährige von Anfang an als Antiheldin inszeniert und regelrecht dazu auffordert, ihr brutales Vorgehen kritisch zu hinterfragen, während wir Joel über interaktive Blicke in die Vergangenheit wieder näherkommen und unsere emotionale Bindung zu ihm, dem Supervater, intensivieren.

Ellie wird in TloU 2 zur mordenden Superheldin. Ellie wird in TloU 2 zur mordenden Superheldin.

Ellie wird so bis zum Schluss in die Rolle der Tochter gedrängt und verkörpert dabei die problematischsten Aspekte ihres Ziehvaters. Sie ist keine starke Frauenfigur, sie ist toxische Maskulinität in einem neuen Gewand.

Diese Form von Repräsentation aber bringt das Medium in seinem Streben nach komplexeren Identifikationsfiguren nicht weiter. Es ist schon lange nicht mehr innovativ, traditionell männliche Rollen mit Frauen zu besetzen.

Wahre Subversion wäre es, realitätsnahe Geschichten von Töchtern zu erzählen: Von ihrer Identitätsfindung, persönlichen Konflikten und selbstwirksamem Handeln. Wenn wir realistischere Frauendarstellungen erreichen wollen, müssen wir aufhören, sie primär über Beziehungen zu Männern zu definieren - seien es Partner, Mentoren, oder eben Väter, egal ob gute oder schlechte.

Abby ist als Charakter viel spannender als Ellie, aber auch sie muss sich dem Gameplay beugen. Abby ist als Charakter viel spannender als Ellie, aber auch sie muss sich dem Gameplay beugen.

Wie es besser geht, zeigt in The Last of Us 2 ausgerechnet jene Frau, die Joel mit einem Golfschläger brutal hinrichtet. Auch Abby wird zunächst von blinder Wut und dem Wunsch getrieben, den Tod ihres eigenen Vaters zu vergelten. Nach dem vollzogenen Racheakt allerdings lernen wir ihre verletzliche, fröhliche, liebende Seite kennen und damit einen Charakter, der weit facettenreicher ausfällt als die neue Inkarnation von Ellie. Doch das enge Korsett aus Gameplay und Narration drängt Abby ebenso wie Ellie im weiteren Spielverlauf wieder und wieder in die Rolle der Killerin und hindert sie bis zuletzt daran, dem blutigen Pfad der Rache den Rücken zuzukehren.

Es scheint also, als würde der erhoffte Emanzipationsprozess noch auf sich warten lassen, doch irgendwann muss jeder Vater einsehen, dass seine Tochter eine eigenständige Person ist, und ihr Autonomie zugestehen. Man darf gespannt sein, wann dem Medium dieser Abnabelungsprozess endlich konsequent gelingen wird.

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