Seite 2: Gescheiterte Hardware: Kinect - Mangelnde Körperbeherrschung

Der Casual-Controller

Von einer massiven Marketingkampagne angeschoben wird der Start von Kinect im November 2010 zu einem unerwartet großen Erfolg für Microsoft: In zwei Monaten verkauft das Unternehmen acht Millionen Einheiten der Peripherie, und das, obwohl 150 US-Dollar bzw. Euro für die Peripherie samt Kinect Adventures ein teures Vergnügen sind - das Bundle inklusive 4 GB-Xbox 360 ist gerade mal doppelt so teuer.

Trotz des hohen Preises schafft es der geplante Zusatzprozessor nicht ins Gerät, die Xbox 360-CPU muss die komplette Rechenarbeit übernehmen. Geschätzte zehn Prozent der Konsolenleistung werden in den Betrieb der Bewegungssteuerung investiert, was ein ehemals angedachtes Nachpatchen alter Spiele auf einen optionalen Kinect-Einsatz hin schwierig macht.

Kinect verkauft sich gut: In den ersten zwei Monaten werden acht Millionen Geräte abgesetzt, bis Anfang 2013 insgesamt 24 Millionen Einheiten ausgeliefert. Kinect verkauft sich gut: In den ersten zwei Monaten werden acht Millionen Geräte abgesetzt, bis Anfang 2013 insgesamt 24 Millionen Einheiten ausgeliefert.

Über Softwaremangel können sich Kinect-Käufer allerdings nicht beschweren: Im Startmonat erscheinen satte 18 Kinect-Titel, wobei sich nicht nur Microsoft-eigene Studios des Themas annehmen, sondern auch zahlreiche Dritthersteller.

Die Menge an Spielen täuscht allerdings eine Vielfalt vor, die es nicht gibt: Kinect-Titel richten sich entweder an Kinder und Familien (Kinectimals, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Kinect Sports) oder an Bildschirm-Sportler, die mit EA Sports Active 2, Your Shape: Fitness Evolved oder Dance Central gelungene Alternativen zum populären Wii Fit bekommen.

Core-Gamer gucken jedoch in die Röhre, woran auch Titel wie die platte Ubisoft-Prügelei Fighters Uncaged oder das ungelenke Hoverboard-Spektakel Sonic Free Riders nichts ändern. Daneben enttäuscht hiesige Erstkäufer das Fehlen einer deutschen Sprachsteuerung - sie wird erst ein gutes Jahr später via Patch nachgeliefert, ebenso wie die Xbox-Menüführung via Handbewegungen.

Ubisofts Your Shape: Fitness Evolved ist einer der besseren Kinect-Starttitel. Ubisofts Your Shape: Fitness Evolved ist einer der besseren Kinect-Starttitel.

Man muss Kinect zu Gute halten: Das Gerät funktioniert, optimale Bedingungen vorausgesetzt, vor allem in puncto Positionierung der Spieler vor dem Fernseher. Bei vielen Spielern ist die Luft nach der ersten Aha-Phase trotzdem schnell wieder raus: Mit einem Pad-Controller lässt sich ein Spiel nun mal direkter und genauer steuern als durch Hand- und Körperbewegungen, rasch wird deutlich, dass sich nur wenige Genres wirklich für eine ausschließliche Gestensteuerung eignen.

Microsoft kann zwar einige kompetente Studios für die Entwicklung von Kinect-Core-Games gewinnen. An sich ordentlich designte und inszenierte Titel wie Segas Survival-Horror-Spiel Rise of Nightmares oder Capcoms Mech-Action Steel Battalion: Heavy Armor machen wegen der unpassenden und ungenauen Bewegungssteuerung aber wenig Spaß.

Kinect Sports ist Microsofts Antwort auf die Nintendo-Killer-App Wii Sports. Kinect Sports ist Microsofts Antwort auf die Nintendo-Killer-App Wii Sports.

Auf Zwang folgt Untergang

Microsoft glaubt dennoch weiterhin an Kinect, so sehr sogar, dass man die Peripherie obligatorisch für die nächste Konsolengeneration macht. Dabei geht es allerdings eher um Bedienkomfort und soziale Features, der Einsatz der Bewegungssteuerung in Spielen rückt in den Hintergrund.

Zum Start der Xbox One muss Kinect mitgekauft werden; allerdings gibt es kein Spiel, das die Zusatzausgabe lohnt. Zum Start der Xbox One muss Kinect mitgekauft werden; allerdings gibt es kein Spiel, das die Zusatzausgabe lohnt.

Was sogar ein bisschen schade ist: Kinect für Xbox One ist dem Vorgänger technisch nämlich weit voraus und funktioniert erheblich genauer als dieser. Der Kinect-Zwang allerdings stößt auf wenig Gegenliebe bei den Spielern: Bei Veröffentlichung der Xbox One wird der Anschluss der Peripherie dem Nutzer zwar freigestellt, Kinect muss aber mitgekauft werden, was den Startpreis des Gerätes erhöht.

Mittlerweile gibt es die Konsole auch ohne Kinect, das bislang sowieso nur von einer Handvoll Titel unterstützt wird. Die Microsoft-Manager selbst haben das Thema offensichtlich komplett zu den Akten gelegt: Auf den Spielemessen im Jahr 2014 spielte die Kamera-Hardware keine Rolle mehr.

So endet vier Jahre nach dem Debüt langsam die Karriere von Kinect - einer innovativen und technisch eindrucksvollen Peripherie, die letztlich an einer verfehlten Produktpolitik gescheitert ist.

Und an dem Umstand, dass man auf das Rad in der Theorie zwar verzichten kann, es dafür in der Praxis aber gar keinen vernünftigen Grund gibt.

Kinect Floptitel: Fighters Uncaged Prügelspiele leben von einer exakten Steuerung: Attacken sollen exakt treffen, Konter gehören blitzschnell ausgeführt und vernichtende Kombos gezielt entfesselt. All das funktioniert bei Ubisofts Fighters Uncaged nicht. Zum einen, weil das Design dieses Straßenprüglers so plump ist, dass die Kämpfe wohl auch bei der Bedienung via Pad wenig Spaß bereiten würde. Zum anderen, weil Kinect sich hier von der ganz schwachen Seite zeigt: Die Bewegungen des Spielers werden häufig nicht richtig und nur erheblich verzögert erkannt.

Steel Battalion: Heavy Armor Capcoms erstes Steel Battalion für die Xbox war legendär: Die 200 Euro teure Mech-Action kam mit einem riesigen Controller, der den Wohnzimmertisch zum futuristischen Vehikel-Cockpit machte. Das Spiel begeisterte mit seiner postapokalyptischen Atmosphäre und sorgte dank Perma-Death für Spannung. Die Freude war entsprechend groß, als ein neuer Teil für die Xbox 360 angekündigt wurde, die Skepsis allerdings auch, nachdem klar wurde, dass die Funktionen des Mechs nicht nur mit dem Pad, sondern auch zwingend über Kinect gesteuert werden. Im fertigen Spiel bewahrheiteten sich die Befürchtungen: Die ungenaue Handhabung sorgte für gigantischen Frust.

Game Party in Motion Uninspirierte, bewegungsgesteuerte Minispielsammlungen gibt es reichlich für die Xbox 360, doch Game Party in Motion schafft es problemlos, sich auf den Thron des gut bestückten Kinect-Genres »Frustrierende Geschicklichkeitstests« zu schwingen. 16 unterschiedliche Kneipen- und Sportspielchen könnten eigentlich für kurzweilige Beschäftigung sorgen. Allerdings sind sie furchtbar unattraktiv inszeniert und steuern sich Großteils derart ungenau, dass man sie exakt je einmal ausprobiert, bevor die Disc auf ewig aus dem Laufwerk fliegt.

Kinect Star Wars Spannende Lichtschwertduelle, rasante Pod-Rennen, furiose Weltraumschlachten und abgefahrene Tanzeinlagen von Prinzessin Leia oder Boba Fett – für den gemeinen Fan des legendären Science Fiction-Universums klingt das alles großartig, ist letztlich aber auch zu schön, um wahr zu sein. Bei Kinect Star Wars liegt das auch, aber nicht ausschließlich an der Bewegungssteuerung, die beim Einsatz von Macht oder Lichtschwert nur wenig Tempo und Dynamik zulässt. Optik, Akustik und Spieldesign werden der Marke ebenfalls nicht gerecht und können höchstens auf einem Kindergeburtstag für ein bisschen Stimmung sorgen.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 Die Umsetzung des siebten Kinofilms der Harry-Potter-Reihe ist bereits in der nicht bewegungsgesteuerten Variante langweilig, nachlässig designt und unhandlich zu bedienen. Die zusätzliche (fakultative) Einbindung von Kinect macht aus dem faden magischen Geballer einen noch anspruchsloseren Railshooter, der den Spieler mit ungenauer Bewegungswahrnehmung, fehlender Abwechslung und schmerzenden Armen piesackt.

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