Es kommt nicht oft vor, dass ich in AAA-Videospielen wirklich etwas Neues erlebe. Wer genug Spiele gezockt hat, kennt das: Man springt in einen neuen Titel rein und findet sich quasi direkt zurecht, das Gameplay ist schon aus ähnlichen Genre-Vertretern vertraut.
Im Grunde ist auch Pragmatas Gameplay-Mix aus Third-Person-Ballern und Hacking vertraut – ungewöhnlich ist dagegen, dass ich hier beides gleichzeitig mache. Was das Potenzial zu heilloser Überforderung gehabt hätte, ist letztlich die größte Stärke von Pragmata – und entscheidet maßgeblich, ob das Spiel etwas für euch ist oder nicht.
Und schon wieder ein Videospiel-Dad
Einmal kurz zum Setting von Pragmata: Ich schlüpfe hier in den futuristischen Raumanzug von Hugh Williams, der auf eine Forschungsbasis auf dem Mond geschickt wird, um dort nach dem Rechten zu sehen.
Das hier etwas nicht stimmt, merke ich schon bei der Ankunft, denn von den menschlichen Bewohner*innen fehlt jede Spur. Stattdessen wird Hugh von Robotern attackiert. Auf die kann er zwar mit seiner Pistole schießen, macht dank deren Panzerung aber kaum Schaden – bis ihm das Androiden-Mädchen Diana zur Hilfe eilt. Sie kann die Feinde nämlich hacken und damit ihre Schwachpunkte freilegen.
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Fortan kämpfen sich die beiden im Huckepack durch die Raumstation und versuchen nicht nur, deren mörderische KI zu überleben, sondern auch zur Erde zurückzukommen.
Dreh- und Angelpunkt der Story ist dabei die Beziehung zwischen Hugh und Diana. Anders als die anderen Roboter sieht Diana aus wie ein echtes, etwa 6-jähriges Mädchen und verhält sich zumindest grob auch so.
Sie löchert Hugh mit Fragen, freut sich tierisch über Erd-Gegenstände wie eine Rutsche oder einen Fernseher, die ich in der Spielwelt als Datenpakete finden und im Hub-Areal für sie drucken lassen können, und schenkt Hugh sogar selbstgemalte Bilder.
Hugh seinerseits schließt das Androiden-Mädchen schon nach wenigen Minuten ins Herz und mutiert direkt zum Ersatz-Papa. Wirklich weiter entwickelt sich die Beziehung der beiden danach aber nicht mehr.
Diana ist hauptsächlich niedlich und liebenswert und Hughs Charakterzüge lassen sich mit "Videospiel-Protagonist" zusammenfassen. Eine komplexe, sich aufbauende Vater-Kind-Bindung wie etwa in einem The Last of Us braucht ihr hier nicht erwarten. Zumindest die deutsche Sprachausgabe ist aber fantastisch.
Auch davon ab trägt die Story rund um Dianas Herkunft und der scheinbar wildgewordenen KI zwar durchs Spiel, bleibt aber zu jeder Zeit vorhersehbar.
Das ist aber durchaus verschmerzbar, denn der große Star von Pragmata ist ohnehin ein anderer.
Pragmata, der Multitasking-Simulator
Das Highlight des Spiels ist nämlich sein ungewöhnliches Kampfsystem. Wie eingangs erwähnt, kombinieren wir hier Shooter und Hacking-Minispiel miteinander. Das passiert beides parallel und in Echtzeit.
Heißt, sobald ich mit der Knarre auf einen Feind ziele, erscheint rechts auf dem Bildschirm ein Raster, durch das ich mit den Face-Buttons des Controllers navigiere, um ein grünes Feld zu erreichen. Dabei gilt es auch, Fallen zu umgehen oder weitere Knotenpunkte auf dem Weg zum Ziel zu passieren, die dann beispielsweise die Hacking-Dauer verlängern.
Bei einem erfolgreichen Hack erleidet der Gegner Schaden und seine Schwachpunkte werden für eine Weile freigelegt.
Wird Hugh währenddessen getroffen, wird der Hacking-Fortschritt zurückgesetzt. Während ich also auf der rechten Bildschirmseite Minispielchen absolviere, muss ich links im Bild auf Gegner ballern und feindlichen Angriffen ausweichen.
Hugh bewegt sich dabei in seinem Raumanzug merklich behäbig, dank seiner Schubdüsen kann er aber kurzzeitig in der Luft schweben und zur Seite dashen – eigentlich ein cooles Feature, das in den oftmals engen Gängen allerdings häufig dazu führt, dass ich gegen die Wand dashe und dann trotzdem getroffen werde.
Diese Kombo aus Hacken, Schießen und Ausweichen mag ganz schön komplex klingen, geht aber nach kurzer Zeit intuitiv von der Hand. Das liegt auch daran, dass Feinde ziemlich langsam sind und mir viel Zeit zum Handeln lassen.
Knackiger wird es eigentlich nur, wenn ich es mit mehreren Gegnern auf einmal zu tun bekomme. Ohnehin bietet Pragmata für erfahrene Shooter-Fans keine allzu große Herausforderung.
Barrierefreiheit
Pragmata bietet zu Beginn zwei Schwierigkeitsgrade (Einfach, Normal), nach dem Ende kommt noch ein dritter schwerer Schwierigkeitsgrad hinzu. Daneben gibt es folgende Accessibility-Optionen in den Einstellungen:
- teilweise Tastenneubelegung
- optionale Zielhilfe
- Kameraentfernung und optionaler Punkt in der Bildmitte
- Bewegungsunschärfe an/aus
- Untertitelgröße/-farbe und deskriptive Untertitel
Im Spielverlauf schalte ich dann noch ein paar weitere Optionen für mein Arsenal frei. Hugh bekommt neben der klassischen Schrotflinte und einem Gewehr etwa auch einen Köder, der Feinde ablenkt oder eine Klebebombe, die das Hacking-Feld von Gegnern verkleinert, damit ich schneller zum Ziel komme.
Abseits der Standardwaffe haben alle Knarren aber nur begrenzt Munition, sodass ich einfach immer wieder die nächste voll geladene Waffe am Wegesrand aufsammle – die entsprechend großzügig verteilt sind.
Diana bekommt derweil neue Hacking-Module, die dann als Knotenpunkte auftauchen können. So lassen sich Gegner verwirren, sodass sie andere Feinde angreifen, oder sie überhitzen kurzzeitig und werden so handlungsunfähig. Diese regelmäßigen neuen Optionen sorgen für motivierende Progression.
Ein Hub, sie alle zu spawnen
Die Ausrüstung verbessere ich immer wieder im Hub-Areal des Spiels. Hier kann ich mich auch mit Diana unterhalten, mein Loadout anpassen und beim hilfsbereiten Roboter Cabin freigeschaltete Trainingsprogramme absolvieren, die mir nützliche Materialien verschaffen.
Am wichtigsten ist aber, dass ich nur im Schutzraum manuell speichern darf. Zwar gibt es auch eine automatische Speicherfunktion, wer das Spiel allerdings unterwegs ausschaltet oder stirbt, landet beim nächsten Laden im Hub.
Das heißt auch, dass ihr den ganzen Weg zu eurem letzten Aufenthalt zurücklaufen müsst und alle Feinde respawnt sind. Immerhin gibt es reichlich Schnellreisepunkte, die ich vom Hub aus nehmen kann – ob dieser Entscheidung kratze ich mir trotzdem ratlos am Kopf.
Last Gen, bist du’s?
Obendrein führt das zu unnötiger Wartezeit durch versteckte Ladebildschirme – von denen es auch sonst in der Spielwelt einige gibt. Immer wieder darf Hugh ein paar Sekunden in Luftschleusen warten, ehe es weitergeht. Und das, obwohl die meisten Gebiete eher klein sind.
In der Mondbasis schlängle ich mich durch zahlreiche enge Korridore und Minenschächte, die trotz schicker Reflexionen irgendwann eintönig werden; für optische Abwechslung sorgen immerhin einige neue Areale, so wenn ich mich durch einen Indoor-Wald bewege oder in der Schwerelosigkeit auf der Mondoberfläche rumhüpfe.
Das Ganze kann sich dabei durchaus sehen lassen. Die Effekte und Animationen sind schick und besonders Dianas lange Haarpracht sticht hier raus, auch wenn das Bild in beiden Grafikmodi etwas flimmrig ist. Auf der Basis-PS5 kommen zudem im Grafikmodus einige Echtzeit-Reflexionen zum Einsatz, auf die der Framerate-Modus verzichten muss.
Im Auflösungsmodus gibt es ein paar Raytracing-Effekte (hier zu sehen an der Spiegelung der Wolken in der Pfütze), auf die der Framerate-Modus verzichten muss.
Ich habe die meiste Zeit im Framerate-Modus gespielt und hier den Eindruck eines flüssigen Gameplay-Erlebnisses ohne technische Probleme gehabt.
Kurz, aber auf den Punkt
Auch das Erkunden lohnt sich in der Spielwelt durchaus, dadurch komme ich nämlich an die Materialien, die ich zum Aufwerten der Ausrüstung brauche. Wer alles sehen will, muss zudem auch mal backtracken, einige Bereiche kann ich nämlich erst betreten, nachdem Diana im Spielverlauf neue Fähigkeiten freigeschaltet hat. Das ist aber rein optional, denn auch ohne viel Gesuche kommt man problemlos durchs Spiel.
Ich habe mit ein wenig Erkunden und Absolvieren von Trainingsprogrammen insgesamt 10 Stunden bis zum Abspann gebraucht. Wer etwas stringenter durchläuft, dürfte problemlos auch in 7 bis 8 Stunden am Ende sein. Erkundet ihr dagegen sehr gerne und sucht versteckte Räume, könnt ihr auch gut und gerne 14 Stunden reinstecken – und danach auf Wunsch im New Game Plus-Modus weiterzocken.
Das ist recht kurz, was sicherlich nicht jedem gefallen wird. Es hat aber auch sein Gutes: Da die Story eher nettes Beiwerk ist, trägt sich das Spiel hauptsächlich über seinen Gameplay-Kniff – der ist zwar wirklich spaßig, bekommt so aber auch viel Gewicht.
Pragmata findet hier den "Sweet Spot", bevor der Neuheitswert sich trotz regelmäßiger Erweiterungen für das Arsenal und vereinzelter neuer Gegnertypen zu sehr abnutzt.
Ob euch das Spiel etwas taugt, hängt letztlich also zu großen Teilen davon ab, wie viel Spaß ihr mit dem Action-Gameplay habt. Könnt ihr euch auf die ungewöhnliche Mischung aus Third-Person-Shooter und Hacking-Minispiel einlassen, werdet ihr ein paar Stunden wirklich gut unterhalten. Wollt ihr lieber stumpf draufballern, euch über viele Stunden in einem Spiel verlieren oder seid hauptsächlich für die Story hier, lasst ihr von Pragmata lieber die Finger.
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