Eigentlich sollte ich mich freuen. Immerhin erhält eine der für mich prägendsten Videospielgeschichten mit Life is Strange: Reunion eine Fortsetzung. So richtig übergesprungen ist der Funke während der knapp zwanzigminütigen Enthüllung aber nicht. Denn ich befürchte, dass der voraussichtlich finale Teil der Max Caulfield-Reihe zu viel von dem revidiert, das den ersten Teil in meinen Augen so brillant gemacht hat.
Spoiler-Warnung
In diesem Artikel setze ich mich mit der Geschichte sowie dem Ende von Life is Strange 1 auseinander und deute deren Auswirkung auf die Geschehnisse von Reunion. Wollt ihr den ersten Teil noch nachholen – was ich euch wirklich nur empfehlen kann – dann solltet ihr lieber auf einen anderen Artikel umspringen. Hier findet ihr viele Infos zur Fortsetzung:
Chloes und Max’ Geschichte war wie aus dem eigenen Leben geschnitten
Max und Chloe zählen für mich zu den besten Videospielduos überhaupt. Und das nicht unbedingt, weil ich mit ihnen besonders viel Spaß hatte, sondern weil mich ihre tragische Geschichte berührt hat.
2:36
Life is Strange: Reunion schickt Max auf ihr letztes Abenteuer – und bringt eine alte Bekannte zurück
Obwohl sie beste Freundinnen waren, haben sie sich nach Max‘ Umzug auseinandergelebt. Chloe fühlt sich als von allen verlassene Außenseiterin, insbesondere, da Max schon kurz nach dem Tod ihres Vaters nicht mehr für sie da war. Entsprechend turbulent hat sich ihre Jugend gestaltet, mit zahlreichen Problemen in der Schule.
Und sie war damit eine perfekte Identifikationsfigur für mich selbst. Es ist mir in der Jugend ebenso schwergefallen, gesunde familiäre Beziehungen zu pflegen beziehungsweise Freundschaften aufrechtzuerhalten, weshalb ich für eine lange Zeit nicht meinen Platz in der Welt gefunden habe und auch viele schlechte Erinnerungen an meine Schulzeit habe.
Disclaimer: Entwickler Deck Nine stand zuletzt im April 2024 im Fokus, als anonyme Anschuldigungen von mehreren Mitarbeiter*innen des Studios publik wurden. Inhaltlich geht es um Missmanagement, Crunch, sexuelle Belästigung und die Verbreitung von Nazi-Symbolen. Einen ausführlichen Bericht zum Thema findet ihr unter diesem Link.
Umso brutaler war für mich dann auch das Ende von Life is Strange: Ich wurde vor die Wahl gestellt, Chloe oder die gesamte Stadt Arcadia Bay zu opfern, nachdem Max mehrfach ihre Zeitreisekräfte nutzen musste, um Chloe am Leben zu halten und den Mordfall um Rachel Amber – Chloes verschwundene Ex-Freundin – zu lösen.
Max und Chloe hatten im Verlauf der Spielstunden ihre Freundschaft wieder entflammt, entsprechend meinen Entscheidungen sogar letztendlich Liebe füreinander empfunden.
Ich saß in der Folge locker eine halbe Stunde unentschlossen vor dem Entscheidungsbildschirm, da ich es nicht über das Herz bringen konnte, eine junge Frau sterben zu lassen, die schon so viel Schmerz in ihrem Leben durchmachen musste.
Letztendlich habe ich mich doch aber aus zwei Gründen gegen Chloe entschieden:
- Ich wollte ihren eigenen Wunsch respektieren, nicht für den Tod ihrer geliebten Mutter und vielen anderen Menschen verantwortlich zu sein.
- Das Spiel hat kontinuierlich darauf hingearbeitet, klarzustellen, dass Eingriffe in die Vergangenheit, die Zukunft und Gegenwart nur noch viel schlimmer machen.
Allerdings war ich nicht darauf gefasst, mit welcher Konsequenz und Härte Life is Strange die Entscheidung durchzieht: Die Erinnerungsfotos an die gemeinsame Zeit von Max und Chloe lösen sich auf, Max muss tatenlos zuhören, wie Chloe auf der Schultoilette erschossen wird, und wohnt abschließend ihrer Beerdigung bei. Unterlegt von 'Spanish Sahara', einem gleichermaßen grandiosen wie Gänsehaut erregenden Song über Trauma und Depression.
Link zum Spotify-Inhalt
Diese sehr realitätsnahe Darstellung des Todes und was dieser ausgelöst hat, hat mich aufgewühlt wie noch kein anderes Spiel zuvor oder danach. Schon allein die gefühlte Ungerechtigkeit dahinter hat mich fassungslos gemacht.
Reunion liefert mehr Max und Chloe – aber für mich passt das nicht zum meinem Ende
Deck Nine hat sich bei Life is Strange: Double Exposure dazu entschieden, Chloe keinen direkten Auftritt im Spiel zu geben, sondern ihr jeweiliges Schicksal in Dialoge zu verpacken. Selbst wenn Chloe gerettet wurde, haben sich die Wege der beiden getrennt, da ihre jeweiligen Bewältigungsmethoden nicht miteinander kompatibel waren.
Und dahingehend könnte die Reunion im abschließenden Teil auch noch einmal mehr Fleisch liefern, denn das Trennungstrauma sitzt bei beiden offenbar noch tief.
Bei meinem Life is Strange 1-Ende habe ich jedoch die große Angst, dass Reunion die immense Schwere aus der Entscheidung nehmen könnte. Dontnod hat einen heftigen Schritt gewagt und der sollte nicht mit einer fadenscheinigen Begründung nichtig gemacht werden.
Danach wirkt es für mich im gezeigten Material jedoch, denn ein "natürlich lebe ich noch" und sich angleichende Universen reichen mir nicht als schlüssige Begründung, wieso Chloe auf einmal vor Max‘ Tür steht.
Zwar wird angedeutet, dass Chloe diffuse Erinnerungen an ihren Tod hat, dessen Konsequenz fehlt aber durch ihren Auftritt im Spiel, weshalb bei mir eher der Eindruck aufkam, dass hier vor allem Fan-Service betrieben wird. Und das machte es mir bislang unmöglich, mich über ihre Rückkehr zu freuen.
Das ist meine Hoffnung für Reunion
Was glaubt ihr? Kann Reunion an das Ende, in dem Chloe tot ist, überhaupt sinnvoll anknüpfen? Wie fühlt ihr euch dabei?
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.