Life is Strange True Colors im Test: Wir mussten weinen

Life is Strange: True Colors erweist sich in unserem Test als erwachsenes Abenteuer, das die ganz großen Gefühle hervorruft. Auch wenn es dabei nicht ohne Schwächen bleibt.

von Linda Sprenger,
10.09.2021 13:02 Uhr

Life is Strange: True Colors im Test. Life is Strange: True Colors im Test.

In Life is Strange: True Colors kehrt die Protagonistin Alex Chen nach acht Jahren aus Portland in ihre idyllische Heimatstadt Haven Springs zurück. Eine lange Zeit, in der die junge Frau keinen Kontakt zu ihrem älteren Bruder Gabe pflegen konnte. Jetzt steht Alex vor einem Neuanfang. Sie will nicht nur ihre Beziehung zu Gabe wieder aufflammen lassen, sondern auch in Haven Springs ein neues Zuhause finden.

Doch die anfängliche Freude über die Wiedervereinigung des Geschwisterpaars währt nicht lang: Ein mysteriöser Vorfall reißt Gabe schon zu Beginn der Geschichte in den Tod. Nun muss Alex einerseits herausfinden, wie genau es zu diesem tragischen Ereignis kommen konnte und wer dafür verantwortlich zeichnet. Andererseits muss sie lernen, den Tod ihres geliebten Bruders zu akzeptieren, um selbst wieder im Leben Fuß fassen zu können.

Tschüss, Episodenformat!

Mit Life is Strange: True Colors verabschiedet sich Deck Nine vom Episodenformat der drei Vorgänger und serviert uns direkt das gesamte, fünf Kapitel umfassende Spiel. Die rund zehn Stunden lange Story an einem Wochenende wegbingen? Ja, das ist jetzt endlich direkt zum Release möglich!

Ein wichtiger Charakter stirbt also gleich im ersten der insgesamt fünf Kapitel von Life is Strange: True Colors. Dieses entscheidende Ereignis in der Geschichte hat Deck Nine bereits direkt zur Enthüllung des Adventures im März 2021 verraten. Natürlich könnten wir Gabes Tod im Rahmen dieses Tests trotzdem verschleiern, aber das machen wir ganz bewusst nicht. Warum? Weil besagte Tragödie nur den Auftakt der Story markiert und es in True Colors nicht in erster Linie um das traurige Schicksal eines geliebten Menschen geht. Sondern um viel mehr als das.

Einen ersten Eindruck verschafft euch der Gameplay-Trailer:

13:27

Empathie als Superkraft

Die Rahmenhandlung von True Colors dreht sich darum, die genauen Umstände von Gabes Tod aufzuklären. Im Laufe der Rund zehn Stunden langen Story merken wir allerdings schnell, dass Alex' Aufklärungsarbeit gar nicht der hauptsächliche Faktor ist, der uns so motiviert von Kapitel zu Kapitel treibt.

Tatsächlich lässt uns der eigentliche Plot am Ende sogar enttäuscht zurück, weil er sich als dünn und einfallslos entpuppt. Aber das ist vollkommen egal.



Alex als bisexuelle Protagonistin

Eine Romanze kann Alex im Laufe der Geschichte ebenfalls eingehen, diesmal stehen dafür zwei Charaktere zur Auswahl: Eine Frau (Steph) oder ein Mann (Ryan). Die jeweilige Romanze steht zwar nicht im Mittelpunkt der Geschichte, bereichert die Story aber dennoch, indem sie uns ein Stück weit mehr mit Alex und ihren Gefühlen mitfiebern lässt.

Vielmehr interessieren uns die fantastisch geschriebenen Nebencharaktere und ihre eigenen Wehwehchen und Problemchen. Und die haben uns oftmals nachhaltig beeindruckt, eben weil sie im Gegensatz zur Rahmenhandlung alles andere als einfallslos sind. Das zeichnet sich nicht nur in den glaubwürdig geschriebenen Dialogen und SMS-Nachrichten ab, die Alex im Laufe der Story mit Nebenfiguren wie Ryan oder Steph schreibt, sondern wird auch auf einer viel tieferen, gefühlvollen Ebene deutlich.

Ausschlaggebend dabei ist Alex' besondere Gabe. Denn Life is Strange wäre nicht Life is Strange, wenn es seine Story nicht mit einer Prise Übernatürlichkeit würzen würde. Das Besondere diesmal: Unsere Heldin kann die Emotionen ihrer Mitmenschen erfassen und absorbieren. Moment, nennt man das nicht einfach "Empathie"? Ja, im Grunde stimmt das natürlich, doch Alex' emotionale Auffassungsgabe übersteigt die eines normalen Menschen. Sie erfasst die Gefühle ihres Gegenübers so sensorisch genau, dass sie ein Stück weit seine Gedanken lesen kann, um ihn so besser zu verstehen und ihm letztendlich zu helfen. Oder zumindest: es zu versuchen.

Life is Strange True Colors besticht mit glaubwürdigen Charakteren, die uns sofort ans Herz wachsen und nicht mehr loslassen. Das betrifft nicht nur Alex und Gabe, sondern die meisten Nebenfiguren ebenfalls. Life is Strange True Colors besticht mit glaubwürdigen Charakteren, die uns sofort ans Herz wachsen und nicht mehr loslassen. Das betrifft nicht nur Alex und Gabe, sondern die meisten Nebenfiguren ebenfalls.

Denn wie in der Realität kann Alex nicht für jedes Problem eine Lösung finden, sondern muss manchmal die unerträgliche Schwermütigkeit des Seins akzeptieren. Damit gibt sich True Colors erfreulich erwachsen und differenziert. Nicht alle Geschichten im Spiel gehen gut aus, und das ist vollkommen okay, weil das Leben eben nun einmal so ist, wie es ist. Mal wundervoll, mal abgrundtief scheiße. Genau das zeigt True Colors eindrucksvoll auf, indem es weder vor romantischen noch vor schockierenden Dialogen und Momenten zurückschreckt.

Dabei deckt Alex' emotionales Abenteuer eine ganze Palette an spannenden Themen ab: Liebe, Wut, Eifersucht, Krankheit, Zugehörigkeit, Trauerbewältigung, Überlebensschuld. Und das Schöne: True Colors gelingt es, all diesen Themen gerecht zu werden, indem es ihnen genügend Raum zur Entfaltung gibt, gerade weil die Heldin dank ihrer Gabe so tief in die Psyche ihrer Mitmenschen eintauchen kann, um sie uns mit (fast) all ihren Facetten vor Augen zu führen.

"Jetzt kommen die Tränen wieder auf Knopfdruck"

Allzu viel wollen wir euch hier gar nicht vorwegnehmen, weil das Spiel davon lebt, dass ihr die einzelnen Schicksale der Nebenfiguren selbst ergründet. Ein Beispiel nennen wir aber, damit ihr wisst, wie das Ganze überhaupt spielerisch ablaufen kann: Eleanor, eine liebenswerte Frau weit über 60, betreibt in Haven Springs ein Blumengeschäft. Als Alex im zweiten Kapitel ihren Laden besucht, wirkt sie irgendwie zerstreut, ist nicht ganz bei sich.

Die Emotionen der Charaktere werden stets in farbigen Auren dargestellt. Rot deutet beispielsweise auf Wut. Per Knopfdruck versetzen wir uns dann in die jeweilige Figur hinein und erfahren, warum sie wütend ist. Die Emotionen der Charaktere werden stets in farbigen Auren dargestellt. Rot deutet beispielsweise auf Wut. Per Knopfdruck versetzen wir uns dann in die jeweilige Figur hinein und erfahren, warum sie wütend ist.

Per Knopfdruck erfassen wir Eleanors Emotionen, hacken uns automatisch in ihr Innenleben hinein und erfahren: Die alte Frau ist an Alzheimer erkrankt und sie kann sich nicht mehr daran erinnern, woran sie in ihrem Laden zuletzt gearbeitet hat. Also helfen wir ihr, indem wir bestimmte Gegenstände im Shop in der richtigen Reihenfolge zu untersuchen, um ihre vergangenen Arbeitsschritte nachvollziehen zu können.

Achtung, spätestens jetzt müsst ihr eine Portion "Suspension of Disbelief" an den Tag legen: Ja, Alex' Gabe erlaubt es ihr ebenfalls, die Gedanken und Emotionen einer Person aus Gegenständen zu ziehen, die unmittelbar mit ihr verknüpft sind. Indem wir Eleanors Telefon untersuchen, erfahren wir, dass ihre Tochter Riley ein Bouquet für Gabes Trauerfeier bei ihr bestellt hat und können die alte Frau im nächsten Schritt wieder daran erinnern. Auch wenn das bedeutet, dass wir sie jetzt mit Gabes Tod konfrontieren müssen – oder auch nicht.

Tiefgreifende Entscheidungen mit Auswirkungen

Wie die Vorgänger stellt uns True Colors im Laufe des Abenteuers mehrmals vor tiefgreifende Entscheidungen. Erzählen wir Eleanor von Gabes Tod und lassen sie damit gleichzeitig realisieren, dass sie aufgrund ihrer Alzheimer-Erkrankung seine Trauerfeier vergessen hat? Oder verschweigen wir es ihr zuliebe und ersparen ihr damit den beschämenden Schmerz?

Life is Strange stellt uns immer wieder vor spannende Entscheidungen, die minimale bis große Auswirkungen aufs Ende haben. Life is Strange stellt uns immer wieder vor spannende Entscheidungen, die minimale bis große Auswirkungen aufs Ende haben.

Egal wie wir uns entscheiden – beide Wege wirken sich spürbar aufs Geschehen aus und bestimmen mit, welches der insgesamt fünf Enden wir freischalten werden. Damit gibt uns True Colors nicht nur das Gefühl, unsere eigene Geschichte zum Teil selbst zu schreiben, sondern motiviert uns gleichzeitig zum mehrmaligen Durchspielen, um alle Seiten der Story und ihrer Charaktere aufzudecken.

Flaches Gameplay, aber immerhin abwechslungsreich

Von "tiefgreifend" können wir im Bezug auf die Spielmechanik allerdings nicht sprechen, "flach" passiert hier schon eher. Denn die Art und Weise, wie wir Alex' Fähigkeit einsetzen, bietet keinerlei spielerische Herausforderungen. Weder innerhalb von Eleanors Sequenz noch an irgendeiner anderen Stelle der Story. Wir klicken einen Charakter an, dann eine Reihe von Gegenständen, danach reden wir wieder mit unserem Gegenüber, werden vor eine triftige Entscheidung gestellt und fahren dann mit der Geschichte fort.

Für spielerische Abwechslung sorgt True Colors durchaus. In einer Szene kickern wir drei Runden mit Steph und können die Figuren dabei per Druck auf die Schultertasten sogar selbst drehen. Für spielerische Abwechslung sorgt True Colors durchaus. In einer Szene kickern wir drei Runden mit Steph und können die Figuren dabei per Druck auf die Schultertasten sogar selbst drehen.

Sicherlich hätte True Colors wesentlich mehr als Alex' Empathie-Superkraft herausholen können. Knackige Rätsel bietet das Spiel ebenso wenig wie komplexe Detektivaufgaben, für die sich die Rahmenhandlung rund um Gabes mysteriösen Tod ja durchaus angeboten hätte. Langweilig ist das Spiel dadurch aber nicht.

Trotz fehlender Herausforderungen spielt sich Life is Strange: True Colors wunderbar abwechslungsreich und bietet einige erfrischende Ideen. Beispielsweise kickern wir eine Runde mit Alex' Love-Interest Steph. Oder wir nehmen an einem LARP teil. Und wow, über Letzteres würden wir jetzt gerne so viel mehr Worte verlieren, lassen es aber natürlich, weil wir euch nichts vorwegnehmen wollen. Nur so viel: Das LARP-Event sprüht nur so vor Charme und Kreativität und gehört damit wohl zu den besten Sequenzen im gesamten Spiel.

Die Macht der Musik

Musik und passend ausgewählte Songs spielen in True Colors abermals eine große Rolle und verleiht der Geschichte noch mehr Charakter. Musik und passend ausgewählte Songs spielen in True Colors abermals eine große Rolle und verleiht der Geschichte noch mehr Charakter.

Einen wichtigen Stützpfeiler von Life is Strange True Colors haben wir noch gar nicht angesprochen, aber das Beste kommt ja ohnehin zum Schluss: die Musik. Wie die Vorgänger greift True Colors auf einen frischen Mix aus lizenzierten Songs und Originalmusik zurück.

Sogar Alex selbst beweist im Spiel musikalisches Talent: Im ersten Kapitel gibt sie beispielsweise auf der Gitarre ein Akustik-Cover des Radiohead-Hits "Creep" zum Besten und erinnert damit stark an Ellies Gesangseinlagen in The Last of Us Part 2. Aber auch Momente, in denen Alex einfach nur im Plattenladen sitzt und über ihre Kopfhörer den Song "Home" von Gabrielle Aplin genießt, geben der Geschichte nur noch mehr Tiefe, mehr Gefühl. Stellenweise so viel, dass es uns zu Tränen rührt.

Ja, Life is Strange: True Colors ist eines dieser wenigen Spiele, die es schaffen, tief in unsere Gefühlswelt einzudringen. Ganz ohne Kitsch und Pathos. Alex' Geschichte bleibt stets nachvollziehbar und lebensnah und berührt uns gerade deshalb so sehr. Die spielerischen Abstriche nehmen wir dafür gerne in Kauf.

Wie schneidet das Adventure international ab? In diesem GamePro-Artikel findet ihr den Wertungsspiegel zu Life is Strange True Colors.

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