Als Anime-, Manga- und Webtoon-Fan wurde mir Solo Leveling in den letzten Jahren regelrecht um die Ohren gehauen – und ja, Solo Leveling hat extrem viele Fans. Trotzdem gehörte die Serie trotz mehrerer Anläufe nicht zu den Geschichten, mit denen ich persönlich warm geworden bin. Das lag jedoch nicht daran, dass Solo Leveling schlecht wäre, sondern eher an meinem generellen Desinteresse am Power-Fantasy-Genre – zumindest dachte ich das.
Aus purer Neugier habe ich dann aber in einen sogenannten “Solo Leveling-Klon“ namens Omniscient Reader’s Viewpoint reingeschaut, der in der Community oft als “besser als Solo Leveling“ bezeichnet wird. Und was soll ich sagen? Ich bin der Geschichte und ihren Charakteren komplett verfallen – und eine Anime-Adaption wurde auch schon angekündigt!
Als Power-Fantasy bezeichnet man in der Anime-Community meist Geschichten, in denen die Hauptfigur über außergewöhnliche Stärke verfügt und ihren Gegner*innen fast immer überlegen ist. Ernsthafte Herausforderungen bleiben häufig aus, da die meisten Konflikte mühelos dominiert werden.
Was haben Omniscient Reader's Viewpoint und Solo Leveling gemeinsam?
Bevor ich erkläre, warum ich Omniscient Reader’s Viewpoint (ORV) so unglaublich gut finde, möchte ich kurz die Verwirrung um die unpassende “Solo Leveling-Klon”-Bezeichnung auflösen: ORV hat inhaltlich rein gar nichts mit Solo Leveling zu tun.
Der Vergleich entsteht größtenteils durch oberflächige Annahmen von Leser*innen oder Fans von Solo Leveling, die ORV nicht gelesen haben oder kennen. Einige Parallelen gibt es nur bei überlappenden Videospiel-Elementen, ähnlichem Aussehen der Protagonisten und dem Zeichenstil beider Webcomics.
Die genannten Videospiel-Elemente wie Levelaufstiege, Statusfenster und besondere Fähigkeiten sind kein Alleinstellungsmerkmal von Solo Leveling oder ORV, diese gab es schon in vielen anderen Werken , die es bereits vor den beiden gab.
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In diesem anstehenden Fantasy-Anime wird ein Roman zur Realität und jetzt gilt nur es zu überleben
Auch die optischen Parallelen zwischen den Protagonisten – schlank, groß, schwarze kurze Haare, kühne Ausstrahlung und ein langer Mantel – lassen sich eher auf gängige südkoreanische Design- und Schönheitsideale zurückführen, als auf eine direkte Inspiration voneinander.
Ihr werdet dieses Design also auch in anderen südkoreanischen Werken finden, die vor und nach Solo Leveling oder ORV entstanden sind. Dazu kommt, dass beide Webcomics vom gleichen Illustrationsstudio, nämlich ReDice, gemacht werden – eine Ähnlichkeit im generellen Stil ist also ebenfalls keine Überraschung.
Worum es in ORV aber wirklich geht, wie es sich meiner Meinung nach deutlich von Solo Leveling unterscheidet und weshalb ich dieser Geschichte so verfallen bin, erzähle ich euch in den nächsten Abschnitten.
Worum gehts in Omniscient Reader’s Viewpoint?
ORV erzählt die Geschichte von Kim Dokja, einem jungen Büroangestellten, der jede freie Minute damit verbringt, seinen Lieblings-Webroman “Drei Wege, die Apokalypse zu überleben“ zu lesen – als letzter verbliebener aktiver Fan und Leser des Romans, und das seit über 13 Jahren.
Am Tag der Veröffentlichung des finalen Kapitels erhält Dokja eine mysteriöse E-Mail vom Autor. Als Dank für seine jahrelange Treue und Unterstützung des Romans als einziger verbliebener Fan und Leser bekommt er die vollständige Geschichte zugeschickt.
Kurz darauf geschieht aber etwas Merkwürdiges: Die Welt des Romans wird Realität und Dokja findet sich plötzlich mittendrin wieder. Nicht als Held, sondern als unbedeutende Nebenfigur, die im Original nie existierte.
Als einziger Mensch, der das Ende der Geschichte kennt, ist er fest entschlossen, dieses zu verändern. Der Grund? Dokja will schlicht und ergreifend einen besseren Abschluss für seinen Lieblingsromans.
Dabei ist er nicht der einzige Mensch aus der realen Welt, der sich nun in der Geschichte des Romans wiederfindet. Abseits von Dokja gibt es noch weitere Personen, die zwar den Roman ebenfalls verfolgt und gelesen haben, aber irgendwann mittendrin abgesprungen sind. Dokja ist und bleibt also der Einzige, der das Ende und den Großteil der Geschichte kennt.
Gemeinsam mit den anderen aus der echten Welt und Figuren aus dem Roman muss er tödliche “Szenarien“ bestehen. Das sind videospielartige Quests, die von den mystischen Dokkebis im sogenannten “Sternen-Stream“ für mächtige Konstellationen inszeniert und live übertragen werden.
Doch Dokjas bloße Existenz bringt die Handlung aus dem Gleichgewicht. Er muss improvisieren, unbekannte Situationen überleben und einen neuen Weg finden, die Geschichte umzuschreiben. Dabei trifft er natürlich auch auf den eigentlichen Protagonisten des Romans, Yoo Joonghyuk, der Dokja scheinbar alles andere als wohlgesinnt ist und ihn sogar fast umbringt.
Der größte Unterschied zu Solo Leveling: Dokja ist kein Superheld
Das Power-System unterscheidet sich grundlegend von Solo Leveling. Dort ist Sung Jin-Woo der Einzige, der leveln kann und dadurch enorme Stärke, mächtige Fähigkeiten und seine Schattenarmee erhält. Kim Dokjas Kraft funktioniert hingegen völlig anders.
Seine größten Stärken sind das Wissen über den Roman „Drei Wege, die Apokalypse zu überleben“ und sein Intellekt. Er ist weder körperlich übermächtig, noch von Natur aus besonders begabt. Statt selbst stärker zu werden, “leiht“ er sich im Verlauf der Geschichte durch seine besondere Gabe “Lesezeichen” – die Fähigkeiten von anderen Figuren.
Dokja ist und bleibt nur ein “Leser” – und überlebt allein durch den klugen Einsatz seines Wissens. ORV bietet damit ein ganz ungewöhnliches Power-System, das ich weder von Solo Leveling, noch von anderen Genre-Vertretern kenne – und das hat mich sofort in den Bann gezogen.
Hier stehen die sogenannten “Geschichten” im Mittelpunkt – narrative Fragmente, die Figuren in ORV durch bestimmte Handlungen während eines Szenarios freischalten können und ihnen entsprechend die Macht ihrer eigenen Erzählung verleihen.
Darunter werden unterschiedliche Machtstufen etwa in historische oder mystischen Geschichten unterschieden. Die Stärke eines Charakters ist also nicht mit ihrem Level, sondern mit ihren freigeschalteten “Geschichten” verknüpft. Das System ist dabei so komplex und spannend, dass Solo Leveling in puncto Tiefe nicht mal im Ansatz damit mithalten kann.
Die Charaktere sind unglaublich toll geschrieben
Was mich an Omniscient Reader’s Viewpoint aber am meisten überzeugt hat, sind die Charaktere an sich. Während Jin-Woo in Solo Leveling klar im Mittelpunkt steht, bekommen in ORV sowohl männliche als auch weibliche (Neben-)Figuren echte Tiefe – mit eigenen Ambitionen, Emotionen und Hintergrundgeschichten.
Ein starkes Beispiel dafür ist Han Sooyoung. Anfangs tritt sie Dokja als Antagonistin gegenüber und er spielt sogar kurz mit dem Gedanken, sie aus dem Weg zu räumen. Doch durch die aufgezwungenen, lebensgefährlichen Szenarien wächst zwischen ihnen ein unfreiwilliges Vertrauen – vergleichbar mit Vegeta und Son Gokus ungewöhnlicher Freundschaft.
Ihre Dynamik wirkt organisch und sie ist keine weibliche Figur, deren einzige Rolle es ist, als potenzieller Romanzen-Partner des Protagonisten zu dienen – auch wenn ich mir bei ihrer Chemie mit Dokja manchmal genau das wünsche.
Auch Yoo Joonghyuk, der eigentliche Held des Romans, fasziniert mich. Durch seine unzähligen „Resets“ und die ewig wiederholten Tragödien ist er emotional abgestumpft, fast grausam – ein Protagonist, der in ORV zunächst eher antagonistisch und gleichgültig wirkt.
Am meisten begeistert mich jedoch Kim Dokja selbst. Er ist kein strahlender Held, sondern handelt pragmatisch, strategisch und manchmal egoistisch – fast wie eine Mischung aus L und Light Yagami aus Death Note.
Seine Stärke ist sein Intellekt, nicht rohe Gewalt. Genau das macht ihn für mich zu einem der interessantesten Protagonisten überhaupt – und eben deutlich spannender als Sung Jin-woo. Im Vergleich zwischen Original und “vermeintlichen Klon” hat ORV für mich daher klar die Nase vorn.
Habt ihr schon von Omniscient Reader’s Viewpoint gehört und wie ist eure Meinung zu den ganzen Solo Leveling-Vergleichen?
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