Es ist mittlerweile schon über 25 Jahre her, dass ich zum ersten Mal das Minental von Khorinis betreten habe, nur um mir vom ersten Scavenger des Spiels volles Pfund aufs Maul geben zu lassen. Und auch Jahre später kenne ich mich in den drei Lagern immer noch besser aus, als in meiner eigenen Stadt.
Daher war meine Vorfreude auf das Remake von Gothic durchaus groß und ich war mir sicher: Solange ich einfach nur das alte Spiel nochmal in schicker Grafik bekomme, bin ich glücklich. Wenn es dann noch ein paar kleine Verbesserungen gibt, wäre das die Kirsche obendrauf.
Das habe ich im Großen und Ganzen auch bekommen – zumindest laut meinem bisherigen Eindruck. Aber das Gothic Remake hat sich an einigen Stellen auch übernommen und bekommt den Spagat zwischen der Erhaltung des alten Spielgefühls und der dringend nötigen Frischzellenkur nicht so ganz hin.
Wichtige Hinweis zum Test: Wir konzentrieren uns in diesem Test vor allem auf die Frage, ob das Remake von Gothic den alten Klassiker gut in die Moderne transportiert und wie das RPG für bestehende Fans und auch Neulinge geeignet ist.
Da wir die Testkeys erst sehr kurzfristig erhalten und das Spiel noch nicht durchspielen und ausreichend auf den Konsolen testen konnten, vergeben wir vorerst eine Wertungstendenz.
Schöne alte Welt
Einer der wichtigsten Aspekte des Remakes ist natürlich die Grafik. Denn auch als großer Gothic-Fan muss ich zugeben, dass die Optik des Klassikers ungefähr so gut gealtert ist, wie 25 Jahre alte Milch – in der Sonne.
22:12
Das Gothic Remake macht's uns im Test nicht leicht!
Das Remake macht hier vieles richtig. Alkimia Interactive hat das gesamte Original in der Unreal Engine 5 nachgebaut und mit vielen Details versehen. Dazu kommen auch einige neue Orte, die sich nahtlos in die Welt einfügen.
Vor allem die Licht- und Wettereffekte haben mich begeistert. Mitten in einem Sturm durch das Minental zu laufen oder mit einer Fackel finstere Höhlen zu erkunden – das sind Momente, die man nicht so schnell vergisst.
Doch nicht alles wirkt aus einem Guss. So fällt es schon auf, dass die Monster nicht besonders detailliert sind, während die Wälder, durch die sie laufen, vor Details nur so strotzen. Ähnliches fällt in den Gesprächen mit NPCs auf.
Während mich die Gesichts- und Laufanimationen eher wieder ins Jahr 2001 zurückdenken lassen, kann ich dank toller Texturen bei der Kleidung jede Naht erkennen. Dadurch wirkt das Remake stets modern und gleichzeitig veraltet.
Die Sichtweite ist ein weiteres Problem. Die ist zwar durchaus hoch, aber schon nach wenigen Metern wird etwa die Qualität der Animationen so weit verringert, dass ihr statt flüssiger Bewegungen nur noch ruckelnde Fahnen im Wind seht, oder Büsche, die wild hin und her wackeln.
Zeitgleich hat die Grafik aber dennoch einen hohen Preis. Auf meinem Rechner mit einer RTX 4080 hatte ich wenige Probleme. Hin und wieder ist das Spiel etwa beim Laden von Spielständen abgestürzt. Das konnte ich dann nur beheben, indem ich die Grafik auf niedrig stellte. Nach dem Laden konnte ich sie dann wieder hochdrehen.
Kolleginnen und Kollegen mit weniger starken Rechnern hatten hingegen mit Unreal-typischen Mikro-Rucklern und regelmäßigen Abstürzen zu kämpfen.
Auf der PS5 ist der Ersteindruck in Ordnung. Abseits kleiner visueller Bugs, wie aufploppenden NPCs und Objekten hatten wir in den ersten Stunden keine Problem. Von Abstürzen blieben wir ebenfalls verschont.
Laut unseren Zählungen wird das Spiel mit einer Zielauflösung von 1440p gerendert, reduziert die Auflösung aber bei Bedarf, um die anvisierten 30 Bilder pro Sekunde zu halten. Einen alternativen Modus mit 60fps gibt es nicht. Da das Remake nicht über eine Pro-Enhancement verfügt, läuft es auf der Power-Konsole ebenfalls mit 30fps und denselben visuellen Ergebnissen – erreicht dort aber häufiger die anvisierten 1440p.
Ihr kennt das Original nicht? Im Kult-RPG Gothic verschlägt es euch als namenloser Sträfling in eine von einer magischen Barriere umgebenen Minenkolonie. In Third-Person-Ansicht durchstreift ihr eine Welt, die unbarmherzig, rau und extrem atmosphärisch ist.
Um zu überleben schließt ihr euch einer von drei Fraktionen an und übt euch im Nah- und Fernkampf oder mit Magie und werdet schließlich vom Niemand zum Helden.
Link zum YouTube-Inhalt
Klassik gegen Moderne
Neben der Grafik gibt es aber noch viele andere Neuerungen.
Da wären etwa die erweiterten Questreihen: Ihr werdet in Kapitel 2 zum Beispiel nicht direkt zu Y’Berion geschickt, sondern macht vorher einen Ausflug in eine überschwemmte Mine. Die Feuermagier stellen euch zudem erst auf die Probe, bevor ihr ihnen beitreten könnt. Das fügt sich gut in die Geschichte ein und behebt auch das Problem späterer Kapitel, die oft etwas gehetzt wirkten.
Die Welt wurde ebenfalls überarbeitet. So könnt ihr neue Unterwasser-Tempel erkunden, Schreine entdecken oder über das erweiterte Sumpflager staunen, das mit seinen ausschweifenden Baumhäusern nun richtige Dschungel-Atmosphäre versprüht.
Alle Neuerungen in der Übersicht:
- 3 Schwierigkeitsgrade
- Erweiterte und neue Quests
- Neue Orte zu entdecken
- Überarbeitetes Kampfsystem
- Neues Rüstungs-Upgrade-System
- Neue und überarbeitete Fähigkeiten und Zauber
- Überarbeitetes Schlösserknacken
Zudem kann unser Held jetzt Klettern, Tauchen und Reiten. Wirklich gebraucht habe ich das allerdings kaum. Bis ihr zum Beispiel Reiten lernt, besitzt ihr wahrscheinlich schon die bereits aus dem Original bekannten Teleportrunen.
Und das ist etwas, was sich durch das gesamte Spiel zieht. Die Neuerungen sind alle nett, aber viele stehen mit dem im Kern altgebliebenen Spiel im Konflikt.
Ein weiteres Beispiel ist das neue Kampfsystem. Das erlaubt euch nun präzises Ausweichen, Blocks, Paraden und Konter – zumindest sobald ihr es gelernt habt. Das funktioniert gegen einzelne Feinde auch ganz gut, aber in Gothic kämpft ihr später fast durchgehend gegen große Gegnerhorden. Spätestens dann verfällt das Kampfsystem wieder in wildes Button-Mashing, das kaum taktische Tiefe bietet.
Auch die überarbeiteten Zauber klingen auf dem Papier ganz gut, passen aber manchmal nicht ins Spiel. Eisblock friert Feinde etwa nicht mehr garantiert ein und wirkt nur noch im Nahkampf. Unpraktisch, wenn euch alle Gegner im Spiel anstürmen.
Schwierig ist auch das neue Rüstungssystem. Früher bekamt ihr gegen Erz nach und nach neue Rüstungen von eurer Fraktion, die euch immer mehr Schutz boten. Im Remake bekommt ihr hingegen eine Basis-Rüstung, die ihr mit Brustplatte, Gürtel und Schuhen in mehreren Stufen aufwerten könnt.
Das führt aber dazu, dass eine voll aufgerüstete Fraktionsrüstung der Stufe 1 plötzlich stärker ist als eine Basis-Fraktionsrüstung der Stufe 2 – beim Aufstieg ist eure neue Rüstung dann also erstmal wieder schwächer, solange ihr nicht das nötige Erz für die erneuten Upgrades investiert habt.
Das klingt jetzt alles vielleicht erstmal viel negativer, als es unterm Strich ist. Fakt ist nämlich: Ich spiele das Remake aktuell trotzdem sehr gern. Und ich glaube, es wird auch viele andere Gothic-Veteranen begeistern.
Ist das Gothic Remake etwas für Fans der Reihe?
Eine klare Antwort ist hier schwierig. Es kommt nämlich darauf an, wie viel ihr mit Gothic verbindet und wie leidensfähig ihr seid.
Bei mir stellte sich schon nach wenigen Minuten das alte Gothic-Feeling wieder ein. Genau wie damals vor 25 Jahren habe ich vom ersten Scavenger wieder volles Pfund aufs Maul bekommen. Atmosphäre und Musik lassen mich wieder im Minental abtauchen.
Zudem haben mich die erweiterten Quests echt überrascht und an ganz neue Orte geschickt, so dass wieder richtige Abenteuer-Stimmung aufkam, obwohl ich das Spiel eigentlich auswendig kenne.
Viele der Änderungen verlangen zudem ein gewisses Umdenken. Händler zahlen weniger für Massenverkäufe und ich muss abwägen, wo ich meine Beute mit möglichst hohem Gewinn verscherbel. Auch die Magie ist nicht mehr so übertrieben stark wie im Original.
Dazu kommt, dass das Grundgerüst des Spiels 25 Jahre alt ist. Keine Questmarker, teilweise unfaires und frustrierendes Balancing, ein Charakter, den ihr vollkommen verskillen könnt, sowie eine etwas fummelige Steuerung mit dem Controller.
Hier müsst ihr selbst entscheiden, ob eure rosarote Nostalgie-Brille den Ausflug überlebt oder ob der Schmerz sofort vergessen ist, wenn ihr In Extremo wieder auf der Bühne im alten Lager seht.
Auf der nächsten Seite verraten wir euch, ob sich der Ausflug ins Minental für Neulinge lohnt.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.