Lootbox, Vollpreis & Co. - AAA-Videospiele werden teurer, ob wir wollen oder nicht

Mit Mikrotransaktionen und Lootboxen sorgen Publisher für den Verdacht, hinterhältig und gierig zu sein. Hannes findet, das ist nur das Symptom eines ganz anderen Problems: Videospiele zu produzieren, ist zu teuer geworden. Höhere Preise könnten helfen.

von Hannes Rossow,
23.11.2017 14:30 Uhr

Die Lootbox ist nicht mehr wegzudenken und das sollte uns zu denken geben. Die Lootbox ist nicht mehr wegzudenken und das sollte uns zu denken geben.

Wer sich in Foren, Social Media-Kanälen und Kommentarbereichen herumtreibt, weiß, dass es aktuell kein größeres Reizwort gibt als "Mikrotransaktionen". Schon die bloße Erwähnung von (in der Theorie) optionalen Videospiel-Inhalten, die sich mit Kleinstbeträgen kaufen lassen, kann eine Grundsatzdebatte darüber entfachen, wie moralisch verwerflich das Vorgehen von Electronic Arts, Activision und Co. ist. Gab es Mikrotransaktionen nämlich früher nur in Free to Play-Spielen, sind längst auch Vollpreis-Titel davon betroffen. Ich glaube, dass Boykotte hier nur wenig helfen und höhere Preise der richtige Weg sein könnten.

70 Euro + 40 Stunden = Luke Skywalker

Wie massiv der Widerstand gegen Lootboxen und monetarisierte Fortschritts-Systeme ist, lässt sich am Star Wars: Battlefront 2-Debakel sehen. Nachdem ein Spieler auf Reddit vorgerechnet hatte, dass es angeblich bis zu 40 Stunden dauern könne, um die beliebtesten Helden des Multiplayer-Shooters freizuschalten, sorgte EA mit einem Statement für den Reddit-Post mit den meisten Downvotes in der Geschichte der Plattform. Schließlich schaltete sich sogar Disney ein und legte dem Publisher die Entscheidung nahe, die Mikrotransaktionen noch vor dem Launch zu entfernen.

Star Wars: Battlefront 2 - Video: So funktioniert das »neue« Lootbox-System 15:50 Star Wars: Battlefront 2 - Video: So funktioniert das »neue« Lootbox-System

Aber nicht nur die Spieler haben die Problematik von Mikrotransaktionen erkannt. Auch die Politik nimmt sich dem Thema immer öfter an und untersucht das Geschäftsmodell nach Verdachtsmomenten, die beispielsweise Lootbox-Systeme mit Glücksspiel gleichsetzen. Während die USK hierzulande diese Klassifizierung zwar ablehnt und keine Änderungen an der Alterseinstufung vornehmen möchte, fordert der belgische Justizminister Koen Geens ein europaweites Verbot von Lootboxen. Auch wir haben euch bereits gefragt, ob wir auf Lootbox-Systeme in unseren Tests mit Abwertungen reagieren sollen.

Wenn sich Millionen-Seller nicht mehr lohnen

Aber wo kommt diese Entwicklung plötzlich her? Warum versuchen Publisher diese kontroversen Monetarisierungen durchzudrücken, obwohl von allen Seiten Abwehr geleistet wird? Diese Frage kann vielleicht damit beantwortet werden, dass AAA-Titel immer höhere Verkaufszahlen benötigen, um überhaupt noch profitabel zu sein. Nicht zuletzt hat die Schließung von Visceral Games zu der Frage geführt, ob reine Singleplayer-Spiele überhaupt noch eine Zukunft haben. Zwar hat die Einstellung von Amy Hennigs Star Wars-Spiel etwas komplexere Hintergründe, doch die Diskussion war entbrannt.

Singleplayer-Titel wie Wolfenstein 2: The New Colossus und The Evil Within 2 sind weit von der Chart-Spitze entfernt und Publisher wie Ubisoft vermelden, dass der Umsatz durch Mikrotransaktionen mittlerweile den größten Anteil der digitalen Einnahmen ausmacht. Take-Two gab sogar an, Mikrotransaktionen ab sofort in allen Spielen einzubauen, die in Zukunft erscheinen.

First Party-Blockbuster wie Horizon Zero Dawn, Super Mario Odyssey und The Legend of Zelda: Breath of the Wild kommen gut zurecht, doch ohne Hype haben es Singleplayer-Titel immer schwerer. Kürzlich sorgte dann die kontroverse Aussage von Videospiel- und eSport-Analyst Evan Wingren für Aufregung, der Videospiele als zu günstig bezeichnete und die Empfehlung aussprach, die allgemeinen Preise zu erhöhen.

Wolfenstein 2: The New Colossus wird von Kritikern gefeiert, hat es aber trotzdem nicht leicht. Wolfenstein 2: The New Colossus wird von Kritikern gefeiert, hat es aber trotzdem nicht leicht.

Höhere Preise als Heilsbringer

Mit dieser Meinung steht Wingren nicht allein dar, auch Marcus Nilsson, Executive Producer bei Ghost Games und verantwortlich für Need for Speed: Payback meinte, dass die Produktion von Videospielen teuer geworden ist, die Preise allerdings noch dieselben sind. Entwickler-Teams werden immer größer, um beim Wettrennen um die schönste Grafik und größte Spielwelt die Nase vorn zu haben. Das treibt die Budgets in die Höhe und Verkaufszahlen, die noch vor ein paar Jahren als Erfolg galten, können heutzutage zu einem gigantischen Problem werden.

Hannes Rossow
Hannes ist kein grundsätzlicher Gegner von Mikrotransaktionen und durchaus bereit, für bestimmte Inhalte auch extra zu zahlen. Spürbare Auswirkungen auf das Gameplay sollte dies aber nicht haben. Daher würde er auch 80 Euro für Vollpreistitel ausgeben, die dann den Spielspaß hoffentlich nicht mehr künstlich ausbremsen.

Nun müssen wir uns der Frage stellen, ob in der Forderung nach höheren Videospielpreisen nicht auch ein Fünkchen Wahrheit steckt. Der Trend zu Games as a Service-Titeln nimmt immer mehr an Fahrt auf und der finanzielle Druck macht es immer schwieriger eine klassische Kampagne zu bieten, für die wir einmalig bezahlen und dann vielleicht noch als Gebraucht-Ware weiterverkaufen. Die Mär vom boshaft-gierigen Publisher ist nicht hilfreich. Ob wir wollen oder nicht, Mikrotransaktionen sind gekommen, um zu bleiben.

Selbst vermeintliche Spieler-Erfolge, wie das kurzzeitige Einknicken von EA bei Star Wars: Battlefront 2, sind nur Augenwischerei. Längst ist klar, dass die Mikrotransaktionen ein Comeback feiern werden. Die Frage ist nicht, ob es Mikrotransaktionen geben wird, sondern nur, wie geschickt sie in ein Videospiel integriert werden können. Da mag es sicher gute und schlechte Wege geben, doch wer davon gänzlich verschont bleiben möchte, muss sich vielleicht an den Gedanken gewöhnen, für Videospiele mehr Geld aufzuwenden.

Ein höherer Grundpreis für Need for Speed: Payback hätte dem Spiel vielleicht gut getan. Ein höherer Grundpreis für Need for Speed: Payback hätte dem Spiel vielleicht gut getan.

Geld ausgeben, um Frust zu sparen?

Mit der Bereitschaft, mehr für Vollpreistitel auszugeben als "nur" 60 bis 70 Euro, könnten wir die Entwicklung von Videospielen wohl stärker beeinflussen, als es jeder #FixFIFA-Protest jemals könnte. Natürlich ist das vor allem für Spieler ein Problem, die ohnehin schon wenig Geld für ihr Hobby übrig haben. Doch Marktveränderungen können wir uns nicht wegwünschen und dass regelmäßige Sales und Rabatte den Vollpreis ohnehin schon zur Ausnahme machen, ist sicherlich ein Faktor, der den Zwang zu Mikrotransaktionen nur noch fördert.

Einmalig mehr Geld zu investieren, für klar definierte und frei zugängliche Inhalte, ist aus Spielersicht attraktiver als das Versprechen auf große Abenteuer, die wichtige Elemente aber hinter unzähligen Zusatzkosten verstecken. Ohne den Druck, auf kostenpflichtige Inhalte einzugehen, sind gesünderes Gameplay-Design und -Balancing zumindest in der Theorie wieder einfacher möglich. Teurer werden Videospiele so oder so. Entweder heimlich und manchmal sogar hinterhältig oder eben offen und ehrlich. Und letzteres ist mir definitiv lieber.

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